Trettachspitze und Höfats
von und mit Josef Enzensperger (am 10. September 1891) veröffentlicht im Werk "Ein Bergsteigerleben – Alpine Aufsätze und Vorträge 1924" - ebenfalls erschienen im "Alpenfreund" Nr. 44 in 1893

Hinweis: Die Aufarbeitung bzw. Bereitstellung dieses Dokumentes ist im Sinne der Verfügbarmachung eines alpinhistorischen literarischen Werkes zu verstehen. Die Tourenbeschreibung ersetzt keinesfalls aktuelle Bergführerliteratur.
 

Trettachspitze um ca. 1933 Es war ein glühend heißer Tag, als wir, am 10. September 1891, beim Morgengrauen von Sonthofen aufgebrochen, nach siebenstündigem Marsche über Geisfuß und Nebelhorn das Nebelhorn-Haus erreichten. Animierte Stunden verlebten wir hier in Gesellschaft einer liebenswürdigen jungen Dame die uns mit ihren schönsten Liedern die Zeit verkürzte, und erst am Spätnachmittage wanderten wir hinunter nach Oberstdorf, wo uns ein Teil unserer Reisegesellschaft verließ, um mit der Bahn heimzukehren.
Wir, Herr ing. cand. Neumann und ich, hatten – von dem herrlichen Wetter angelockt – beschlossen, die nächsten Tage zu führer- und damenlosen Turen zu benutzen. Die Sonne ging unter, als wir in die Trettachanlagen einbogen; tiefer Friede umfing uns in den schattigen, schon von der Dunkelheit eingehüllten Laubgängen; nur das melancholische Rauschen der zu unserer Füßen fließenden Trettach das Wispern der von leisem Abendwind bewegten Blätter und der schlürfende Tritt der zwei müden, einsamen Wanderer unterbrach die heilige Stille. Halb im Träume, ohne den Fußsteig zu sehen, schritten wir den so oft begangenen Weg; mechanisch setzten wir Fuß vor Fuß. Unter solchen Umständen beschleicht den Menschen gar leicht eine eigentümliche Stimmung, wo Verstand und Logik die sonst ausgeübte Herrschaft verlieren und nur unbestimmtes Gefühl das Denken und Wollen regiert. So auch bei uns. Der Höfats wollten wir ursprünglich zuerst einen Besuch abstatten; sie gilt ja nach der Aussage aller Sachverständigen als der leichtere Berg; aber der Name klingt so sonderbar, mit scheuer Ehrfurcht nur wird er in der ganzen Gegend genannt. „Die Höfats ist der leichter Berg, also gehen wir morgen auf die Trettachspitze; dann geht es um so leichter übermorgen auf die Höfats.“ Eine nette Logik!
Nachdem also die Würfel für die Trettachspitze gefallen, wandten wir uns auf den Weg in die Spielmannsau, bis nach fünfviertelstündigem Marsche die Bergstöcke Einlaß heischend an die Türe des freundlichen Gasthauses pochten.

Als wir am nächsten Morgen früh fünf Uhr vor die Türe des Gasthauses traten, strich uns kühler Morgenwind entgegen; scharf zeichneten sich die Gipfelkonturen vom Nachthimmel ab und hell funkelten die Sterne über dem schwarzen Talhintergrunde. Während wir jetzt taleinwärts schritten brach mit überraschender Schnelle der junge Tag herein. Eine Viertelstunde nach Verlassen des Gasthauses setzten wir in Ermangelung einer Brücke mit den Bergstöcken über die – infolge des vor einigen Tagen gefallenen und nun abschmelzenden Neuschnees ziemlich angeschwollene – Trettach; ein rauer Karrenweg zieht durch den Wald und Busch aufwärts, wird immer schwächer und hört zuletzt ganz auf. Eine unerklärliche Mattigkeit lag uns in den Gliedern; langsam nur stiegen wir die Halden empor. Voller Tag war es geworden, als wir die Untermädele-Alp erreichten und bei dem dienstwilligen Sennen unser frugales Frühstück [1]  einnahmen.

Die zwischen dem äußersten Wildengundkopf und dem Spätengundkopf auf der östlichen Flanke des Seitenkammes Mädelegabel-Himmelschrofen eingebettete Mulde zieht in mehreren steilen, von tief eingerissenen Gräben durchfurchten Terrassen zur Talsohle hinab, wo am sogenannten Knie des Sperrbaches junges Gewässer sich schäumend mit der in wildem Laufe einhereilenden Trettach vereinigt. In schiefer Richtung gegen die nach Nordost abfallende Pyramide des äußersten Wildengundkopfes querten wir drei solche Gräben bis zu einem Punkte, der leicht erkenntlich gemacht ist durch eine Fülle dort wachsender schönster Heidelbeeren. Von diesem Platze hat man einen geradezu wunderbaren Überblick über die wilddüstere, gerade gegenüber sich öffnende Lawinenschlucht des Sperrbachtobels, durch welche der deutlich sichtbare Weg der Sektion Allgäu-Kempten hindurchführt. Weit darüber ragt der glatte, gepanzerte, eisenblanke Kegel des Muttlerkopfes in die Lüfte, der von hier aus gesehen wie kein anderer Berg an den Reintalschrofen erinnert, wie er sich in der unteren Blauen Gumpe [2]  spiegelt.

Eine neue Terrasse wurde überstiegen, und ging es zuerst von rechts nach links, so wandten wir uns jetzt zur Abwechslung von links nach rechts. Ein Graben mit steilen Wandungen, angefüllt mit verdächtig zerfressenem Lawinenschnee, musste übersetzt werden. Nach dem alten probaten Spruch: „Jackele, gang du voran“ usw. ließ ich Neumann die Ehre des Vorantritts; bricht er durch, so wird er höchstens naß, kommt er hinüber, nun so komme ich auch hinüber! Das Schicksal hatte Einsehen; die wackelige Brücke hielt. Nach einer allerdings abnorm langen Marschzeit von über zwei Stunden hatten wir den vom Spätengundkopf herabziehenden Ostgrat erreicht. Weil der Gipfel so schön am Wege lag, so wollten wir ihm einen Besuch abstatten; überdies hofften wir von ihm aus endlich die Nordseite der Trettachspitze rekognoszieren [3]  zu können. Aber je höher wir emporstiegen, desto höher stieg mit uns auch des äußersten Wildengundkopfes regelmäßige Pyramide empor und verbarg uns neidisch den Anblick der vielumworbenen Spitze. Dafür war riesengroß in unserem Rücken die Höfats emporgewachsen, ihre vier Zinken kerzengerade in die Luft reckend. Das sahen wir, als wir auf die Wasserscheide zwischen Birgsau und Spielmannsau den Fuß setzten: einen weiten Quergang hatten wir noch zu tun auf der steilen, durchrissenen Westseite des Gebirges, bis wir überhaupt das Kar, in das die Trettachspitze nach Norden abbricht, mit seinem kleinen Firnfeld erreichen konnten, von wo dann erst die ernste Arbeit anging. Wir waren beide schlecht disponiert; die Aussicht auf den langen Quergang vermochte uns unter diesen Umständen durchaus nicht heiter zu stimmen. Missmutig kehrten wir der Höfats den Rücken und schauten hinunter auf das wie Kinderspielzeug aussehende Einödsbach, auf die weiten, wüsten Karrenfelder des Walsertalzuges und die aus ihnen herauswachsenden Dolomitmauern. Goldgelber Sonnenschein spielte um die Grasplätze und Steinfelder, schwarz zeichnete sich auf dem gegenüberliegenden Berggehänge der tiefe Schatten ab, den der Zug der Mädelegabel und des Himmelschrofen hinüberwarf. Doch beim Himmel – was ist das? Die Trettachspitze haben wir noch nicht gesehen – aber ihren Schatten sehen wir! Wenn der nicht trügt, so kann es zu einem harten Strauße kommen [4] . Mit einer tausendfach vergrößerten Nadel möchte ich die Gestalt vergleichen, die sich dort drüben abzeichnete. Aber die kühle Überlegung sagte doch wieder, daß das Bild ein falsches sein müsse, denn die Sonne stand noch tief und verringerte daher bei der Silhouette die eigentliche Dicke der Säule, verlängerte aber ihre Höhe und lieferte so ein richtiges Zerrbild.

Trettachspitze von Norden von Ernst Platz um 1904 Diese Erwägung gab mir den früheren Mut zurück, und nun, da ich die spröde Gegnerin einmal gesehen, schwand auch die Müdigkeit und stelltesich die alte Elastizität wieder ein. In fliegender Eile sprang ich die Bergflanke entlang, Graben um Graben wurde gekreuzt, durch eine torartige Scharte trat ich in den Kessel ein, der von der Trettachspitze und den Wildengundköpfen umspannt wird, und ein staunendes und doch siegesfreudiges „Ah!“ entrang sich der Brust. Eine Felsgestalt, fast so ideal schön wie des Hochvogels majestätisches Haupt, zeigte sich dem Blicke, aus blendend weißem Firne sich erhebend zu überwältigender Höhe. Und zu seinen wie unseren Füßen ein einsames, verlassenes Kar, erfüllt mit Trümmern und Blöcken, jäh abschießend zum Bacherloch. In Jahrtausenden, wenn auch der Trettachspitze stolze Zinne zerbröckelt ist, dann wird auch hier die Trümmermulde ausgefüllt sein und wo der kühnste Bau des Allgäu gestanden, da weiden dereinst blökende Schafe. Sic transit gloria mundi! [5] 

Doch vorderhand sind es edlere Tiere, die diese Öde bevölkern. Zwölf Gemsen äsen ahnungslos auf der anderen Seite; ein lautes „Halloh!“ und die wilde Jagd geht dahin. Block auf, Block ab, über eine morgengroße Platte, die aussieht, als ob keine Fliege darauf haften könnte, springen in langgestreckter Reihe die aufgescheuchten Tiere; in zwei Minuten haben sie einen Weg zurückgelegt, zu dem ein wohlgeübter Felsenklimmer eine halbe Stunde brauchen würde, und sind verschwunden in Richtung gegen das Waltenberger-Haus [6] .
Auch wir haben keine Zeit mehr. Über eine das Kar in zwei Hälften teilende Schrofenrippe hinweg gelangen wir in den innersten, heiligen Winkel des Gebirges, den wohl nur der Fuß des Trettachspitz-Besteigers betritt. Nicht ganz ist in dieser Welt des Todes die organische Welt erstorben; zwischen einem murmelnden Bächlein, dem Ausflusse des zu unseren Häuptern liegenden Firnfeldes, lassen wir uns zur letzten Rast nieder.

Wir wussten, was wir zu tun hatten. Das von dem Nordostgrat und dem Nordwestgrat wie von zwei Strebepfeilern eingefasste Firnfeld empor, die daßelbe links einfassende Plattenwand erklettern und über den Nordostgrat bis zu einem markanten überhängenden Felsblock, der das weitere Vordringen verhindert, dann Umgehung desselben in den Plattenwänden der Ost- oder Nordseite und zum Gipfel.
Topo der Trettachüberschreitung 2002 von Micha auf der Seite vom Gipfelstürmer Der Nordostgrat bricht senkrecht in die Scharte zum höchsten Wildengundkopf ab; eine düstere Mauergasse senkt sich hier zur schauerlichen Tiefe der Wilden Gräben und zum Eisstreif der Hohen Trettach. Aus Neugierde treten wir ein, denn das ist klassischer Boden für jeden Alpinisten; es ist die Stelle, wo einst der alte Einödsbacher Führer Schraudolph Barths Schwindelfreiheit erprobte, des ersten Sohnes der Ebene, der den Bann der Trettachspitze zu brechen wagte. Die Bergstöcke wurden hier zurückgelassen. Plaudernd stiegen wir am Rande des Firnfeldes empor, und als wir zwei Drittel der Höhe desselben erreicht, begann die Erkletterung der etwa dreißig Meter hohen Plattenwand. Wir waren im Eifer des Gesprächs zu hoch gestiegen und nach einem kleinen Intermezzo in den hier sehr schwierigen Platten, veranlasst durch das Ausbrechen eines Steines, zog ich es vor, ein Stück herunter zu klettern und weiter links, wo das Gestein von vorzüglicher Beschaffenheit war, die Wand anzugreifen. Diese Plattenwand ist wohl das unangenehmste Stück der ganzen Besteigung, wenngleich für einen guten Felskletterer kein sehr bedeutendes Hindernis. Sehr zu empfehlen, aber durchaus nicht notwendig, sind Steigeisen. Im oberen Teile der Wand mindert sich die Steile und gute Stufen führen nach links zum Grate.

Jetzt begann der Teil der Wanderung, der zwar keine besonderen technischen Künste, dagegen absolute Schwindelfreiheit erfordert. Rechts die zwischen fünfzig und dreihundert Metern wechselnden Abstürze in das soeben verlassene Kar, links etwa sechshundert Meter tief senkrecht hinab zu den Wilden Gräben; dazu ein wegen seiner Steile von sechzug Grad stets nur auf kurze Zeit sichtbarer, zerzackter Grat. War das Gestein am Plattenhang an der richtigen Durchgangsstelle vorzüglich, so kann man es am Grate nur mit miserabel bezeichnen. Von so ausgezeichneter Beschaffenheit eben der Allgäuer Dolomit überall an Wänden ist, so zerklüftet und zerborsten ist er an den Kämmen. Unser Grat, der eine Unzahl ein bis zwei Meter hoher Zacken von zweifelhafter Konsistenz besitzt, muß bald mit den Händen auf der Schneide nach rechts oder links umgangen, bald rittlings überwunden werden; dabei hat man geradezu wundervolle Tiefblicke. Stufen sind massenhaft vorhanden, nur hat man sich außerordentlich vor dem Ausbrechen zu hüten und mancher zentnerschwere Block rollt, von der prüfenden Hand gerüttelt, mit Höllenskandal und auch Höllengestank in die Tiefe. Es ist merkwürdig, wie rasch sich diese Blöcke wieder erzeugen; drei Tage vor uns hatte eine Besteigung stattgefunden und, obwohl dabei jedenfalls der Grat möglichst gesäubert worden war, hatten wir doch genug mit der Reinigung desselben zu tun. Da sich stets nur einer von uns bewegte, um den anderen nicht durch losgelöste Steine zu treffen, so kamen wir zwar langsam, doch sicher vorwärts. Bei dem gelben, überhängenden Felsen angelangt, entschlossen wir uns, auf dem erst vor wenigen Wochen von Dr. Blodig aus Bregenz [7]  gefundenen Wege die Umgehung auf der Ostseite zu versuchen.

Da diese neue Route meines Wissens in der alpinen Literatur noch nicht beschrieben worden ist, so will ich eine kurze Schilderung derselben geben. Von jenem mehrfach erwähnten Überhang löst sich der Nordostgrat ab, über den wir hinaufgekommen waren. Links von ihm (im Sinne des Anstieges) schießt der Ostgrat in die Tiefe, verlierst sich aber nach ganz kurzem Verlaufe in der kolossalen Plattenwand der Ostseite. Zwischen beiden Graten eingeschlossen liegt ein kleiner Kessel von etwas zwei Metern im Durchmesser, allseits begrenzt von ungefähr vier Meter hohen Wänden, in den man vom Nordostgrat leicht gelangen kann. Diese Umwandung zu erklettern, ist nach meinem Urteile der technisch schwierigste, dabei aber ungefährlichste Teil der ganzen Besteigung; denn bei einem etwaigen Falle würde der Kessel den Fallenden auffangen. Ein etwas unterhalb des Kesselbodens um den Ostgrat ziehendes, wohl vierzig Zentimeter breites Band äfft [8]  den Wanderer; denn unvermittelt bricht es auf der anderen Seite ab. Drei weitere Stellen der Umwandung scheinen praktikable Anhaltspunkte abzugeben; ich habe alle drei versucht und nach meiner Ansicht ist die am weitesten links gelegene die leichteste. Über eine schiefe, nach außen abfallende Platte, die mit einem Risse an die Wand ansetzt, arbeitete ich mich empor; Neumann folgte mit meiner Unterstützung nach; dann noch einige Sprünge über bequeme Schrofen – und nach dreiviertelstündigem Klettern legte ich die Hand ans Gipfelkreuz.

Eine Welt des Todes ist es, die sich vor den Blicken auftut – eine Landschaft, so wild, so erhaben, so verlassen von allem Lebendigen, daß entweder Verzweiflung oder Bewunderung in das Herz einziehen muß. Ungehindert schweift der Blick über die herrlichen Zinnen des Allgäu; der Hochvogel, auf seinen Riesenfittichen ruhend, der Höfats vierzackige, unheimliche Gabel, der Große Krottenkopf, von hier aus selbst einer Trettachspitze ähnlich sehend; des Kratzers zerrissene Dolomitruine, gerade gegenüber der Mädelegabel sich düstergrau aus dreihundert Meter tiefer Scharte auftürmendes Gemäuer; zu Füßen links in den den Wilden Gräben der Firnstreif der Hohen Trettach, der mit seinem Haupte seinen größeren Bruder, den Trettachferner, auf dem Grate küsst, rechts das im ewigen Dunkel liegende Bacherloch mit der bizarren Gestalt des Wilden Männle [9] ; tief unten das freundliche Spielmannsau und das idyllisch an die Berglehne gebaute Einödsbach. Man könnte sich erdrückt fühlen durch die Nähe so imponierender Felsgestalten, aber der Blick gegen Norden in die weite, weite Ebene mit den lachenden Fluren stellt das innere Gleichgewicht wieder her...

Eine Stunde war vergangen mit Betrachtung der Natur und Betrachtung des Fremdenbuches. Unser Gipfel hatte in diesem Jahre ungewöhnlich reichen Besuch empfangen; wir führten, soviel ich mich erinnere, die achte oder neunte Besteigung dieses Jahres aus; insgesamt hatten heuer vierzehn Turisten auf dem Gipfel gestanden.

Lichtbild der Trettachspitze von Osten von F. Scheck Rasch waren auch die Daten unserer Tur eingezeichnet und wir rüsteten uns zum Aufbruch. Durch den Kessel kletterten wir auf den Nordostgrat und über diesen auf die zwar nicht sehr ästhetische, aber bei dem Mangel von Stock und Steigeisen sehr empfehlenswerte und praktische Art des Absitzens hinab. Es ist nachgerade Usus geworden, an der Trettachspitze ein Paar Hosen zu ruinieren und so machten auch wir keine Ausnahme. In der Ebene wären wir als Vagabunden arretiert worden, so schauten unsere Lodenhosen aus, als wir, klüger als beim Aufstieg, in dem Plattenhang einen tieferen Durchgang gesucht hatten und wieder wohlbehalten auf sicherem Boden, am Firnfeld, standen. Nach einer kleinen Pause, die dadurch veranlasst wurde, daß mein Bergstock – infolge schlechter Deponierung von Steinschlägen getroffen – ausgerissen war und erst nach längerem Suchen gefunden wurde, marschierten wir weiter. Das Gepäck wurde geholt, zum letzten Male von dem sprudelnden Schneewasser getrunken, einige der Bergblümlein wurden eingesteckt und dann der Marsch mit den halben Hosen fortgesetzt.

Den so schön am Weg liegenden Wildengundkopf wegzulassen, wäre ein schweres alpines Verbrechen gewesen, um so mehr, als man von hier aus den letzten Blick auf den imponierenden Obelisk der Trettachspitze werfen kann. Dann ging es wieder hinab in die Spätengundmulde, in der wir vor fünf Stunden heraufgekommen waren; bei der Unteren Mädele-Alp wurde noch längere Rast behufs ausgiebiger Restaurierung unserer Hosen gemacht. Nur schade, daß Freund Neumanns Schwester statt schwarzen Zwirn lauter gelben, grünen, roten und blauen Seidenfaden in den Rucksack getan; denn als wir uns gegenseitig geflickt, sahen wir aus, als ob es Fastnachtsdienstag wäre und wir in der Maximiliansstraße in München paradieren wollten. Doch uns genierte vorderhand nur unser Hunger und Durst und trieb uns zu Tale; freundlich begrüßt von der Wirtin und von den Oberstdorfer Ausflüglern ob unseres klassischen Aussehens verwundert begafft, trafen wir in der Spielmannsau ein.

Um uns am nächsten Tage den dreiviertelstündigen Weg nach Gerstruben, dem Ausgangspunkte der Höfats-Besteigung, zu ersparen, brachen wir noch am gleichen Tage dorthin auf; wir hätten wahrlich besser daran getan, bei unserer wackeren Wirtin zu bleiben. Ein hölzernes Haus, bombastisch „Restauration zur Höfatsspitze“ genannt, empfing uns. Zu essen bekamen wir in der „Restauration“ Käse und Butter. Mit der Weisung, uns um halb fünf Uhr zu wecken, gingen wir zu Bette, ich in schlauer Weise voran; denn während Freund Neumann noch draußen herumgeisterte, hatte ich entdeckt, daß das eine „Bett“ eine Matratze, das andere dagegen einen Laubsack zur Unterlage hatte. Da nun der Sinn für unnötige Aufopferung bei mir nicht besonders entwickelt ist, so lag ich schon lange auf der Matratze, als Neumann sich staunend von der sonderbaren Beschaffenheit der „Restaurationsbetten“ überzeugte. Doch auch auf schlechter Lagerstätte schläft sich’s gut, wenn man müde ist, und das waren wir beide...

Obwohl die Höfats im „Alpenfreund“ schon einen Darsteller gefunden hat, will ich dennoch für künftige Besteiger eine eingehende Beschreibung des Weges und einige kleinere Richtigstellungen liefern. Von Gerstruben führt der Weg an der Gerstrubener Alpe vorbei etwa eine halbe Stunde taleinwärts bis zu dem die sämtlichen Gewässer der Südseite der Höfats vereinigenden Gießbach; man überschreitet diesen und folgt ihm auf gut kenntlichem Pfade fünf Minuten aufwärts, bis er, einen Tobel bildend, über hohe Wände hinunterfällt, die das Vordringen wehren. Hier wendet sich der Weg nach links, übersetzt zum zweiten Male den Geißbach und führt, stets enger werdend, in steilen Zickzackwendungen auf der von der ersten Spitze sich ins Tal senkenden Schulter empor. Bald zeigen sich Felshöcker in dem Grate, er wird zusehends steiler und in dreihundert Meter Höhe über dem Talboden ungangbar. Wieder nach rechts gewendet, wo der zuletzt nur noch fußbreite Pfad aufhört, treten wir in den mittleren Teil der Südseite des Berges, in die botanisch berühmte Höfatswanne.
Lichtbild der Höfats vom Bettlerrücken aus gesehen von Gustav Schulze Die Höfatswanne ist eine zwischen dem Abfalle des ersten und des vierten Gipfels eingebettete, im Durchschnitt vierzig Grad steile Mulde von eigentümlicher Formation. Auch der dritte Gipfel entsendet einen Grat nach Süden, aber wie abgeschnitten verliert er sich auf einmal in der breiten Graswand der Wanne. Die abfließenden Regenwasser haben drei tiefe, äußerst steil zugeschnittene Gräben in dieselbe eingerissen, zwischen deren zweien sich immer eine gewölbte Fläche erhebt. An ihrem unteren Ende stürzt die Höfatswanne senkrecht ab in gewaltige Tobel, welche die erwähnte doppelte Umgehung nötig machen.
Die Höfats-Besteigung zergliedert sich also naturgemäß in drei gleich lange Teile: von Gerstruben zur Wanne; in der Wanne aufwärts bis zu der durch den Gufel bezeichneten Stelle, wo der Grat vom dritten Gipfel herabkommt, und von hier zum Gipfel.
Etwas links unterhalb des Gufels (im Sinne des Anstieges) befindet sich die Stelle, wo am Tage nach unserer Besteigung ein Turist abstürzte. Sofort nach dem Unglücke habe ich genaue Erkundigungen eingezogen und bin zu dem Resultate gekommen, daß die Ursachen desselben viel weniger die mangelhafte Ausrüstung, speziell in diesem Falle das Fehlen von Steigeisen, als die allgemeine Unerfahrenheit und der Mangel an Gewandtheit und Übung waren. Ein guter Bergsteiger wird bei trockenem Wetter, wie es in jenen Tagen herrschte, auch ohne Steigeisen der Höfats durchaus gewachsen sein, ein schlechter auch mit Steigeisen nicht. Es ist also jener Unglücksfall lediglich einer Überschreitung der durch die eigene Fähigkeit gesetzten Schranken zur Last zu legen.

Von der westlichen Spitze schießt eine etwa dreihundert Meter hohe Grasplanke in einer von zwei Rinnen durchfurchten Mulde zwischen den ersten Gipfeln zum Gufel herab; einige ziemlich unangenehme Schrofenrippen führen von demselben herüber. Es wäre sehr zu wünschen, daß einmal der Neigungswinkel dieser Strecke endgültig festgesetzt würde. Herr Böse gibt denselben zu fünfzig bis sechzig Grad, zuletzt sechzig Grad an; Herr Dr. Maschke in Nr. 4 der „Mitteilungen 1889“ sagt, er sinke vom Gufel nie unter sechzig Grad, sei meistens größer als siebzig Grad und erreiche ein Maximum von neunundsiebzig Grad. Nachdem Herr Böse selbst den Neigungswinkel der Höfatswanne zu vierzig bis fünfzig Grad angibt, möchte ich mich bei dem augenblicklich ganz kolossalen Anwachsen der Steigung im letzten Drittel des Weges eher für die Messung des Herrn Dr. Maschke entscheiden, wenn nicht etwa die Wahrheit in der Mitte liegen sollte.
Mit Ausnahme jener Schrofenrippen bietet sich nirgends wirkliche technische Hindernisse, und es ist überhaupt für gute Bergsteiger nur eine Gefahr vorhanden: das in den wundervollsten Sternen und gerade an den gefährlichsten Stellen am schönsten blühende Edelweiß. Dort habe ich die so viel verketzerten und, ich gestehe aufrichtig, früher auch von mir verdammten Opfer des Edelweißes wenn auch nicht entschuldigen, so doch verstehen und bemitleiden gelernt. Der muß ein hohes Maß von Selbstbeherrschung besitzen, der – hat er anders nicht Fischblut in den Adern – nicht zauberisch angelockt würde von den prächtigen Sternen, der sich genug sein ließe an dem Strauße, den er schon gewunden, und nicht immer mehr und mehr verlangte. Mit dem Edelweiß ist’s wie mit dem Golde: man wird nur zu leicht ein Sklave desselben. So ist auch noch niemand auf andere Weise verunglückt, der den Höfats-Gipfel erreichen wollte: stets war die Zauberblume das Verderben der vielen Opfer, die in ihren Abgründen liegen.

Lichtbild Gerstruben mit der Höfats o. A. Wir waren dreieinhalb Stunden nach dem Aufbruche von Gerstruben auf dem luftigen Gipfel angelangt. Nach einstündigem Aufenthalte kletterten wir vorsichtig zum Gufel, fuhren dann in sausendem Tempo über die steilen Grasplanken der Höfatswanne ab, bis die Ränder des Tobels sich zeigten und stiegen dann gemütlich hinunter zu Gerstrubens prunkvoller „Restauration“, wo wir zwei Stunden nach Verlassen des Gipfels eintrafen.
Der gleiche Abend sah uns noch den weiten Weg zur Rappensee-Hütte wandern, von wo aus wir am nächsten Tag das Hohe Licht und die Hochfrottspitze bestiegen, der Abend dieses nächsten Tages traf mich – zwar totgesagt von einigen Sommerfrischlern als an der Höfats verunglückt, aber dennoch ganz wohlbehalten – wieder in Oberstdorf.
 
Bemerkungen:
Online-Veröffentlichung der Erzählung "Trettachspitze und Höfats" aus dem Buch von Josef Enzensperger "Ein Bergsteigerleben" (1924), basierend auf dem ursprünglichen Beitrag in der Zeitschrift Alpenfreund Nr. 44 (1894).
Rechtschreibung, Zeichensetzung und Satzbau sind im originalen Zustand belassen worden. Bei den Originalskizzen handelt es sich um die in der Zeitschrift vom DÖAV veröffentlichten echten Zeitdokumente aus jener Zeit. Ergänzend wurden historische Ansichtskarten in die Erzählung eingebaut, die jedoch nicht Gegenstand der Originalliteratur waren.
Zum besseren Verständnis einiger von Enzensperger benutzter und im heutigen Sprachgebrauch weithin unbekannter Ausdrücke wurden gesonderte Fußnoten angebracht (Fußnoten werden auch beim Überfahren mit der Maus angezeigt) bzw. am Ende der Erzählung in einem Glossar zusammengefasst.

Zusätzlicher Hinweis: Die Aufarbeitung bzw. Bereitstellung dieses Dokumentes ist im Sinne der Verfügbarmachung eines alpinhistorischen literarischen Werkes zu verstehen. Die Tourenbeschreibung ersetzt keinesfalls aktuelle Bergführerliteratur.

weitere Links:
Toller Bericht "Überschreitung der Trettachspitze" von Thorsten Liborius.
 
Glossar:
[1] frugal: frugal (lat.): mäßig, genügsam in Bezug auf Speise und Trank (Quelle: Retro-Bibliothek http://www.retrobibliothek.de) -->zurück
[2] Blaue Gumpe: Die berühmte "Blaue Gumpe", ein tiefblauer natürlicher See der Partnach im Reintal (Zugspitzgebiet/Wettersteingebirge) ist leider bei einem Unwetter im Aug. 2005 zerstört worden. (Quelle: http://www.allgaeu-ausfluege.de/reintal.htm) -->zurück
[3] rekognoszieren:erkunden, sondieren, kundschaften, aufklären (Quelle: wie-sagt-man-noch.de) -->zurück
[4] zu einem harten Strauße kommen: manch harten Strauss zu bestehen: Strauß, Mehrzahl Sträuße, ein Wort, welches einen mit einem Getöse verbundenen Streit, einen Kampf, Handgemenge, ingleichen ein Gefecht, Treffen, bedeutet, in welchem Falle es ehemals sehr häufig war. Es ist im Hochdeutschen nur noch hin und wieder im gemeinen Leben üblich, wo man noch zuweilen hört: das war ein harter Strauß, ein harter Kampf, oder Streit (Oekonomische Encyklopädie) -->zurück
[5] Sic transit gloria mundi: (lateinisch: so vergeht der Ruhm der Welt) (Quelle: Wikipedia.de) -->zurück
[6] Waltenberger Haus: Diese erste AV-Hütte im Oberstdorfer Gebiet wurde 1875 von der Sektion „Allgäu-Immenstadt“ für 2420 Mark im Bockkar am Anstieg zur Mädelegabel erbaut. Sie muss noch sehr klein gewesen sein, denn sie besaß anfangs nur 8 Schlafplätze aus. Doch erwies sich der Platz als ungünstig, denn innerhalb von wenigen Jahren wurde sie durch Lawinen und Sturzbäche zweimal schwer geschädigt. Deshalb wurde die Hütte 1885 an der heutigen Stelle mit 35 Schlafplätzen neuerrichtet. (Quelle: oberstdorf-online.info) -->zurück
[7] Dr. Karl Blodig: siehe Link -->zurück
[8] äffen: Jemandes Leichtgläubigkeit mißbrauchen, ihn gleichsam zum Affen machen, oder ihm wie einem Affen begegnen, ihn täuschen. Einen äffen. Ich lasse mich nicht äffen. (Quelle: http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/%C3%84ffen) -->zurück
[9] Wildes Männle: siehe Link -->zurück