Trettachspitze (2.595m) - man nennt sie auch das "Allgäuer Matterhorn"

"Wenn eine Spitze unbesteigbar ist, so muss es diese sein!" - schreibt der Pionier der Bergsteigerei Hermann von Barth in seinem 1869 erschienen "Allgäuer Wegweiser". Damit meinte er den berühmtesten und kühnsten Felsenzahn der Allgäuer Alpen, die Trettachspitze die weit hinausleuchtend in die Allgäuer Heimat als ein Wunder der Schöpfung über den Tälern steht. Sie besteht aus Hauptdolomit liegt direkt an der Verlängerung des Himmelschrofengrates, der sich von Oberstdorf aus in Richtung Süden zieht. Ihr nördlicher Nachbar, der Wildengundkopf, bildet den Abschluss dieses Himmelschrofenzuges. Auf der westlichen Seite befindet sich das Stillachtal und auf der Ostseite das Trettachtal, dessen Fluss dem Berg den Namen gab. Im südlichen Anschluss der Trettachspitze befindet sich durch einen schmalen Grat getrennt die Mädelegabel.

Noch vor etwa 150 Jahren gab es widersprüchliche Namensbezeichnungen: In Einödsbach wurde die Trettachspitze auch Giirskopf (Geierskopf) genannt – entweder wegen Ihrer Form von Norden her gesehen oder weil die Vögel damals ihre Beute auf unzugängliche Gipfel schleppten, um sie in aller Ruhe zu verspeisen (siehe "Fleischbank" im Wilden Kaiser). Allerdings waren im 19. Jahrhundert diese Aasfresser im Allgäu ausgestorben und die Bedeutung des Namens geriet in Vergessenheit.
Erst Hermann von Barth und Waltenberger verhalfen dem "Unnahbaren Spitz" zum heutigen Namen: Trettachspitze. Der Flussname Trettach bedeutet "schnelle Ach". Draete für "eilig, schnell, rasch" und Ach für Wasser (in 1415: Draeteach).

Fast alle Allgäuer Gipfel wurden im 19. Jahrhunderts im Zuge von Vermessungsarbeiten und Kartographierung betreten. Hirten oder Jäger werden die meisten Gipfel aber als erste betreten haben: auf der Suche nach verirrtem Vieh oder einem Gamsbock waren die letzten Schritte auf den höchsten Punkt meist nicht mehr weit. Die meisten Erstbesteigungen der Allgäuer Berge verliefen daher überwiegend unspektakulär. Um so schöner ist die Geschichte von Urban, Alois und Mathias Jochum aus der Birgsau, als ungewollt frühe Vertreter des "verschärften Alpinismus" im Allgäu:

So vollzog sich nach der Überlieferung im August 1855 die erste Begehung der Trettachspitze auf dem schwierigsten Normalweg des Allgäuer Hauptkamms (*):

"Es geschah an einem Sommertag in 1855: Bei der täglichen Arbeit als Hirten auf dem Oberen Einödsberg entdeckten Urban und Alois Gemsen auf dem Nordostgrat der Trettachspitze. Der "Unnahbare Spitz", wie er im Tal genannt wurde, muss also ersteigbar sein, denn wo sich Gemsen bewegen findet auch der Mensch einen Halt. Es ist schließlich Urban, der sich auf den Weg macht und westlich unter dem Spätengundkopf hindurch, über das trümmererfüllte Nordkar und über das Firnfeld hinauf an den Fuß der Nordwand steigt. Er überwindet den plattigen Fels Stück für Stück, weiter über steilen Schutt und einen Schneefleck, bis er schließlich auf dem schmalen Nordostgrat steht und in die furchteinflößenden Abgründe der "Wilden Gräben" hinunterschaut. Die Position der Gemsen im Gedächtnis, steigt er Immer weiter die schmale Himmelsleiter empor, bis unter den Überhang, mit dem der Gipfel auf den Nordostgrat absetzt. Er entdeckt hier ein schuttbedecktes Band, das zunächst in die Nordwand hineinführt und drüben gegen den Nordwestgrat ansteigend herauszuführen scheint. Doch allein ist ihm dieser schwindelnde Weg über der düsteren Nordwand zu gefährlich und er beschließt, mit seinen Brüdern als Verstärkung zurückzukehren. Er ist nun im Besitz des Gipfelgeheimnisses und er weiss die Tür zur Spitze zu öffnen. Vorsichtig klettert er den Grat wieder hinunter.

Bereits am nächsten Tag kehren die drei Brüder hinein in das Trettachnordkar und machen sich an die Besteigung der "Spitz" auf dem zuvor von Urban ausgespähten Weg. Im letzten Abschnitt steigt das Band an, wird breiter und verläuft in schutterfüllten Rinnen bis zum Gipfel. Die drei hatten dem damals 26jährigen Baptist Schraudolph den "Spitz" weggeschnappt. Dieser revanchiert sich, indem er ein Gipfelkreuz zimmert und dieses zunächst 1.200 Höhenmeter zum Felseinstieg der Trettach schleppt und im Anschluss in einer weiteren Energieleistung, weithin sichtbar für die Einödsbacher und Birgsauer, auf dem Gipfel bugsiert. Im Herbst 1855 führt er seine Frau Viktoria, geb. Jochum, die Schwester der Erstersteiger, auf der Hochzeitsreise auf die Trettachspitze. Baptist Schraudolph und die Trettachspitze gehören in der Folge zusammen."


Natürlich gibt es auf diesen Berg keinen Wanderweg und eigentlich führen nur zwei für Normalbergsteiger begehbare Pfade an den Einstieg zu den beiden einfachsten Aufstiegsrouten. Der eine Weg kommt vom Waltenberger Haus herüber unter den Bergen der Guten Hoffnung hindurch und der zweite über den Einödsberg und der sogenannten Märchenwiese zum Firnfeld unter dem Nordfuß des Berges. Früher gab es noch einen Aufstieg über Spielmannsau und die Untere Mädele-Alpe hinauf zum Wildengundkopf. Dieser Weg ist leider abgegangen. Vom Firnfeld aus führen über den Nordostgrat und Nordwestgrat die beiden leichtesten Kletterrouten zum Gipfel der Trettachspitze. Die schwierigsten Stellen dieser Routen liegen im Dreierbereich.

weitere Links:
Überschreitung der Trettachspitze vom Gipfelstürmer.de