Die Gruppe der Mädelegabel
von Ernst Enzensperger (1907 / 1909)
veröffentlicht zunächst in der Zeitschrift des DÖAV 1907 und in 1909 als eigenständiger Spezialführer "Die Gruppe der Mädelegabel" von Ernst Enzensperger


Die Mädelegabel von Osten Das Gebiet meiner Abhandlung ist räumlich eng begrenzt, doch drängt sich auf dem engen Boden soviel des Interessante, dass seine an Zahl geringen Gipfel nach vielen Richtungen einer eingehenden Betrachtung wert erscheinen. Schon rein äußerlich ist die Vormachtstellung wohl begründet, welche die Mädelegabelgruppe vor den übrigen Bergen des Allgäus einnimmt. Wer das Illertal betritt, sieht in der Mitte des mächtigen Halbrundes über dem schwarzen, waldbekleideten Massiv des Himmelschrofens firngeschmückte Felshäupter von untadeliger Pyramidenform aufragen; vom Oberstdorfer Kessel scheinen die Haupttäler des Illerquellgebiets an den Sockel dieser Berge zu leiten; und ihre Spitzen scheinen höher zu sein als alles, was sich im Umkreis erhebt. Was der erste Anblick versprach, bestätigt die Wirklichkeit — die Mädelegabel ist das Herz der Allgäuer Bergwelt.

Der Umfang des Gebiets ist bestimmt durch die wenigen, aber eindrucksvollen Hochgipfel, die Einödsbach den Ruhm eines der schönsten Punkte unserer Nördlichen Kalkalpen verschafft haben. Die zwei bedeutendsten Erhebungen gehören dem Allgäuer Hauptkamm an; von der Bockkarscharte (2.411 m) erhebt er sich, ohne seine bisherige Richtung von Südwest nach Nordost wesentlich zu ändern, zum Kulminationspunkt [1] der Gruppe, der Hochfrottspitze (2.648,8 m) senkt sich zu einer Scharte von 2.563 m, um dann zum bekanntesten Gipfel, der Mädelegabel (2.645,7 m) aufzusteigen; letztere entsendet einen kurzen Grat nach Osten, der zugleich den Anfang einer stärkeren Schwenkung des Hauptkamms zur östlichen Richtung kennzeichnet. Ein mächtiger Seitenast löst sich von der Mädelegabel nach Norden ab, der sich von der Trettachscharte (2.461 m) zum formenschönsten Gipfel der Gruppe, der Trettachspitze (2.595,4 m) emporschwingt; er senkt sich danach rasch zu den unbedeutenden Erhebungen des Wildengundkopfs (2.238 m) und Spatengundkopfs (1.991,4 m) und weiterhin zur Einsattelung des Einödsbergs (ca. 1.850 m) und steigt dann wieder zu den Felszinnen des Himmelschrofenasts an, die außerhalb des Bereichs dieser Abhandlung liegen. Ein Seitenast von geringerer Bedeutung löst sich von der Hochfrottspitze nach Westen ab und trägt zwei unbedeutende, aber schroffe Zacken, die von Einödsbach aus eines gewissen Eindrucks nicht entbehren, die Berge der guten Hoffnung.

Die Wilden GräbenNach Westen entwässert sich die Gruppe in zwar tief eingeschnittenen, aber wenig bedeutenden Rinnsalen zum Bacherloch; der einzige Ferner des Allgäus, der Schwarzmilzferner, senkt sich ohne wesentliche Abflußmengen nach Südosten gegen das Schochental zu; die gewaltige Schlucht der Wilden Gräben stürzt von der Scharte östlich der Mädelegabel (2.471 m) mit ihrer düsteren, spaltendurchsetzten Lawinensohle in einer einzigen Flucht von über 1.000 m Höhe nördlich zur Einmündung in den Sperrbachtobel ab.
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Geologische Profil durch die Mädelegabelgruppe Der geologische Charakter der Gruppe bietet an sich schon manches Interessante, da zwei verschiedene Formationen, der Jura and die Trias, mit ihren verschiedenartigen Gesteinen am Aufbau der sichtbaren Partien beteiligt sind und so eine reizvolle Abwechslung des Landschaftcharakters bedingen. Doch fesselnder gestalten sich die Erscheinungen, wenn wir offenen Auges unser Gebiet im einzelnen betrachten. Wir stehen in Einödsbach im Angesichte des ganzen Mädelegabelstocks. Noch eben haben wir den Bereich des starren Dolomits durchwandert, durch dessen festes Gestein sich die ungestüme Stillach eine tiefe Klamm gegraben hat; jetzt sehen wir uns plötzlich inmitten weicher Gesteine, die einer jüngeren Formation angehören; sie reichen mit ihren charakteristischen Bildungen viele hundert Meter in die Höhe; auf ihnen ruhen hoch oben mächtige Felsgebilde, die augenscheinlich einen anderen geologischen Charakter tragen. Und wenn wir uns auf einer Wanderung der Zone dieser Felsengipfel nähern, erkennen wir mit Staunen die bekannten Formen des Dolomits wieder, die wir im Tale getroffen, und fragen uns verwundert, wie dieses altere Gestein über den jüngeren Schichten lagern, wie es von seinem Schwestergestein im Tale durch so gewaltige, dazwischenlegende Massen getrennt sein kann. Doch noch größer wird unser Staunen, wenn wir des Rätsels Lösung hören und zugleich erfahren, dass alles, was vor unseren Augen so mächtig in die Höhe ragt, an anderer Stelle entstanden ist, dass die Gesteine, welche den eigentlichen Grundstock unserer Gruppe bilden, unsichtbar dem Auge, tief unter dem kolossalen Bergwall liegen; selbst die tief eingerissenen Schluchten des Bacherloch und der »Wilden Gräben« haben ihre Schichten noch nicht bloßzulegen vermocht. Sie liegen begraben unter den ungeheueren Massen der berühmten »rhätischen Überschiebung«, deren Geschichte Rothplatz in eingehender Weise festgelegt hat. G. Schulze schreibt in seiner erschöpfenden Abhandlung über das Gebiet, dass »unter dem Einfluss ostwestlich gerichteter Spannungen das Faltensystem — mindestens 30 km im Osten des behandelten Gebiets — längs einer Spalte zerriss und der östliche Gebirgsteil auf einer im Allgemeinen sanft ansteigenden Fläche über den westlichen geschoben wurde. Der ungeheuere Widerstand, welcher diesem Schub von Seiten der Unterlage entgegengesetzt wurde, führte zu abermaligen Zerreißungen der Decke und zur Überschiebung einzelner Teile derselben. So entstand die ausgezeichnete Schuppenstruktur in den Allgäuer und Lechtaler Bergen.

Wenn auch unsere Gruppe geologisch des selbständigen Charakters entbehrt und nur einen bescheidenen Teil eines Gebiets bildet, das die Spuren eines gewaltigen Naturvorgangs in charakteristischer Weise trägt, so bietet sie doch insofern hervorragendes Interesse, als in ihr der doppelte Vorgang der ursächlichen sogenannten »Allgäuer Überschiebung« und einer mehr lokalen zweiten Überschiebung, die als Folgeerscheinung der ersten zu betrachten ist, besonders deutlich ausgeprägt ist. Der mächtige Sockel des Gebirges verdankt seine Entstehung der »Allgäuer Überschiebung«, die ihre gewaltigen Massen über den überwiegenden Teil des Allgäus gewälzt hat. Während nördlich unserer Gruppe die obere Decke des Lias von der Erosion zum großen Teil zerstört ist und der Dolomit zutage tritt, sind im Gebiet der Mädelegabel die oberen Schichten der Schubmasse, bestehend aus Fleckenmergel, in ihrer ursprünglichen Mächtigkeit erhalten geblieben. Denn die lokale zweite „Lechtaler Überschiebung schob einen Schutzschild über ihre Gesteine; sie wälzte eine neue Bruchscholle über unsere Gruppe, die in ihrer Bewegung sich der vorhandenen Gliederung der „Allgäuer Schubmasse“ anschmiegte. Die "Lechtaler Schubmasse" bildet die prächtigen Dolomitzinnen, die aus dem Westkar der Mädelegabel sich erheben; die auf- und absteigende Linie, mit denen ihr Sockel vom Fleckenmergel sich abhebt, ist zwar auf der Westseite meist unter dem Gehängeschutte begraben, den das vieltausendjährige Zerstörungswerk der Erosion von den Hochgipfeln herabgetragen hat; aber im Osten der Gruppe tritt die Grenze der beiden Formationen klar und scharf am Fuße der Trettach-Ostwand zutage.

Einödsbach mit Mädelegabelgruppe Reizvoll ist das Landschaftsbild, das auf dieser Grundlage sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat; reizvoll vor allem ist's vor dem traulichen Wirtshaus in Einödsbach. In die weichen Schichten des Fleckenmergels hat die Erosion, dort wo die Schutzdecke fehlte, gewaltige Wunden geschlagen; düstere Mauerbrüche mit jäh ausgezackten Rändern begrenzen den Steilabfall zur Talsohle; an seinem obern Rand dehnt sich eine wellige, steil geneigte Fläche, die regellos von tief eingeschnittenen Wasserrinnen durchzogen ist; zahlreiche Wandstufen von wechselnder Höhe steigern die ungemeine Lebendigkeit und Abwechslung des Bilds. Ein kecker Felssporn von untadeliger Pyramidenform, doch in seinen bescheidenen Größenverhältnissen ein entsprechendes Glied seiner Formation, krönt das mannigfaltige Bild; hinter ihm weitet sich ein mächtiges, eindrucksvolles Kar mit gleichförmigen Schuttströmen; darüber aber hebt sich als vollendeter Abschluss die ungegliederte Pracht der Dolomitgipfel — zwei gleichgeartete Felskuppen voll edlen Linienschwungs, flankiert von wild emporgereckten Zinnen. Doch erst der Zauber der Farbe gibt dem Landschaftsbilde seinen höchsten Reiz. Der Anblick ist unvergleichlich, wenn in hellem Grau, von weißen Nebelschleiern umwölbt, die Felshäupter gegen den tiefblauen Himmel kontrastieren, wenn das Auge von den glänzenden Schneefeldern und dem ruhigen Grau der Schuttströme zu dem reichen, in allen Schattierungen spielenden Grün herabgleitet, das vom Tale bis hoch hinauf die Hänge schmückt. Denn die weichen Schichten des Sockels sind außerordentlich fruchtbar und treiben die Vegetationsgrenze in Höhen, in denen sonst nur totes Gestein zu herrschen pflegt. Der Eindruck dieser Fruchtbarkeit wächst erst zu seiner vollen Macht, wenn man auf wohlgepflegtem Pfade bergeinwärts ins Bacherloch wandert und die ungemeine Üppigkeit der Vegetation auf sich wirken läßt, die stellenweise sogar die Spuren der zerstörenden Erosion zu verdecken weiß. Bald sind's dichte Zwergbüsche, bald Lattichblätter von ungewöhnlicher Größe, dann wieder hohes Gras mit Blumen durchwirkt, bald wieder Alpenrosen von dunklem Rot, durch die der Weg aufwärts führt; und wer die Stellen kennt, sieht Edelweiß in der herrlichen langstieligen Form von den Steilflanken in überreicher Menge herabwinken.

Erst im Hintergrunde des Bacherlochs wird die Vegetation spärlicher; die braunschwarzen, lettigen Hänge treten in unverhüllter Nacktheit hervor und das schmutzige Weiß mächtiger Lawinenreste füllt die tiefen Rinnen ihrer Gliederung. Wenn dann der Blick von dem gewaltigen, schuttüberrieselten Gewölbe der Lawinentrümmer, unter deren Wölbung der Bach hervorbricht, emporgleitet zu den haltlosen Steilhalden der Seitenflanken, dann mag dem Beschauer wohl ein schwaches Bild der fürchterlichen Naturgewalt entstehen, die im Winter hier ihr großartiges Zerstörungswerk vollbringt. Doch auch die stärkste Phantasie vermag den überwältigenden Eindruck der Wirklichkeit kaum zu ersetzen. Wer aber einmal die wehenden Schleier der Staublawinen von den obersten Wänden der Mädelegabel sich loslösen und in immer dichteren Kaskaden über die mannigfach unterbrochenen Schneeflächen herabwallen sah, bis endlich eine ungeheure, schneeglitzernde Wolke mit Donnern und krachen in die Talsohle herniederbrach, wer im Frühsommer dunkle Spalten hoch oben in den steilgeböschten Firnhalden aufklaffen sah und schaute, wie plötzlich eine ganze Flanke in tausend Schollen zerbrach und in langsamem, majestätischem Flusse durch die Mauerbrüche sich ins Tal ergoß, wer einmal zwischen den scharf abgeschnittenen. haushohen Lawinenmauern in atemloser Spannung sich aufwärts mühte, immer bewußt, daß an den glattgescheuerten Seitenwänden ein Entrinnen kaum möglich wäre, wer auf der um viele Meter erhöhten Sohle des Tals Berghäuser fremdartig herabgrüßen sah, die im Sommer hinter den untersten Mauerstreifen sich verbargen, der wird den unvergeßlichen Eindruck für sein Leben bewahren. Er wird es kaum begreifen, daß auf diesen, von den fürchterlichsten Gewalten heimgesuchten Berghängen der Sommer die üppigste Flora hervorzuzaubern vermag und daß zahlreiche dunkle Tannen bis hoch hinan an den schwach ausgeprägten Rippen emporklettern.

Nachdem am sogenannten "Wändle" die unterste Steilstufe auf breitem Pfade überschritten ist, nimmt plötzlich das Landschaftsbild einen neuen Charakter an. Zwar ziehen noch immer leichtbegrünte, lettige Hänge aufwärts und über der trennenden Schlucht des Bacherlochs erheben sich steilflankige Berge des Lias. Doch als Herrscher sind die Felshäupter des Dolomits in den Bereich des Landschaftsbilds getreten. Über dem traulichen Waltenberger Haus dräuen graue, klotzige Felswände; als breiter, plattengepanzerter Rücken, von reinen Firnrinnen durchzogen, erhebt sich der Bockkarkopf über den Schutthalden, vom jähen Aufschwung des Bacherlochs grüßt der bizarre Turm des Wilden Männle über den schmutzigen Lawinenresten, die in einer stillen Bergnacht sein Ebenbild verschlangen. Und wer trittsicheren Fußes vom Waltenberger Haus weg den Eingang in das großartigste Kar am Westfuße der Gruppe zu finden weiß, sieht sich ganz umgeben von der Einsamkeit starrender, glatter Felswände. Doch auch wer den gebahnten Pfad der Mädelegabelbesteiger verfolgt, tritt bei der Wendung um die das Bockkar verbergende Ecke urplötzlich aus dem Bereich liasischer Gesteine in das unbestrittene starre Reich des Dolomits. Schuttströme aus festen Steinen kommen von der Bockkarscharte herab, die in den Kranz der umgebenden Felsen eingerissen ist. Ein ungewohntes Gefühl, wenn in der letzten abschließenden Wandstufe Fuß und Hand statt des weichen Geschiebes festen Fels zu fassen bekommen!

Doch eine neue Überraschung harrt dessen, der aus dem eingeschlossenen Felskar in die schmale Scharte tritt, welche den Übergang zur anderen Seite der Gruppe vermittelt, — das weite Gipfelmeer eines umfassenden Rundblicks. Wenige Schritte über einen trennenden Querriegel weg und das Landschaftsbild erfährt einen vollständigen Wechsel — das ist der Lechtaler Schubmasse anderes Gesicht. Enttäuscht mag mancher in den wenig eindrucksvollen Felsmauern die prächtigen Gipfel des Einödsbacher Talschlusses wieder erkennen und in den ausgedehnten, in ihrem unteren Teile von prächtigen Miniaturspalten durchzogenen Firnmassen des Mädelegabelferners keine volle Entschädigung finden; enttäuscht mag mancher auf die scheinbar einförmigen, schwarzbraunen, lettigen Massen der Schwarzen Milz herabblicken, die in ihren weitgestreckten, ebenen Flächen einen ermüdenden Weiterweg zu versprechen scheinen. Doch im Wandern wächst das Interesse. Vereinzelte Felszacken und Felstrümmer, verloren und zerstreut auf der schwarzen Erde, regen den Geist an und er müht sich, zu ergründen, woher die fremden Gesteine in dieses Reich gekommen sind; er „müht sich, zu erfassen, weshalb diese weitausgedehnten Felder in reicher Abwechslung getreue Abbildungen jener mächtigen Schlucht tragen, die auf der anderen Seite des Gebirgs bis in das lnnerste des Bergs eingefressen ist, weshalb sie aber doch in ihrer bescheidenen Entfaltung in der Landschaft schon auf geringe Entfernungen verschwinden, geschweige denn, daß sie ein Gebilde von ähnlicher Großartigkeit der Formen zu erzeugen vermochten. Und der sinnende Geist sieht des Rätsels Lösung. Der Schutzpanzer der Dolomitdecke breitete sich einst über das ganze, sanftgeneigte Gewölbe; doch auch an ihm nagte die allgewaltige Zerstörerin Erosion und ließ nichts zurück als spärliche, zerstreute Trümmer; nun seine schützende Hülle zerbrochen, ist der Weg für die Gierige frei und sie gräbt und wühlt Tag für Tag, Stunde für Stunde in dem weichen Material, wie sie's drüben getan, und wird einstens dieselbe Wunde in den Leib des Bergs geschlagen haben. Wir sehen, wie die Berge unserer Gruppe, die von Einödsbach aus scheinbar ein in sich geschlossenes Ganze darstellen, nichts sind als ein Teil eines gleichgearteten Bergwalls, der sich weithin nach Süden erstreckt.

Wir schauen aber auch in den Berghäuptern über dem Ferner mehr als unförmliche Felsmassen, wir schauen die letzten totgeweihten Zeugen einer fernen Vergangenheit. Noch sind sie festgefügt; doch auch ihrer harrt das Schicksal der Mauerzinnen des Kratzers, die, zerborsten und zerrissen, das Lied vom Untergehen auch in der Welt der Felsen singen —— das düstere Lied, das wie kein anderes ein Echo in jedes Menschen Brust findet. Doch wenn der Eindruck der zerstörten Felsmauern am mächtigsten auf das Herz zu wirken beginnt, taucht immer gewaltiger und gewaltiger eine festgefügte Riesensäule im Hintergrunde über die Lettenhänge empor —— ein unerschütterlicher Recke aus grauer Vorzeit steht ernst die Trettach über der wildesten Lawinenschlucht des Allgäus. Nur wenigen ist es vergönnt, die Großartigkeit dieses Innersten der Bergwelt zu schauen; denn nur ein schmales, kaum kenntliches Heuersteiglein führt dort, wo die Täler des Sperrbachs und der Wilden Gräben sich vereinigen und der breite Sperrbachtobelweg nach links zu dem Vorsprung des »Knie« emporleitet, quer durch steile Grasflanken nach rechts zu der Querrippe, die den Einblick in die verborgene Schlucht verdeckt; nur die hochaufgetürmten Riesenblöcke, die kolossalen Anhäufungen von Schutt, durch die sich metertief die Fluten ihre wilde Bahn gerissen. verraten dem Kundigen, welch ein Schauspiel den Menschen über der trennenden Scheide erwartet. Ist dann die Sohle der „Wilden Gräben“ erreicht, so folgt ein stundenlanges Emporsteigen über harten, steilen Firn.

Bald fesseln die mächtigen Steintrümmer und Überreste von Rasenstücken das Auge, die —— ein Wahrzeichen der winterlichen Zerstörung — auf kleinen Schneepfeilern über die Lawine mit ihren ausgewaschenen Muschelformen ernporragen; bald erregen die Spannung schwarze, ausgefressene Löcher, aus deren Wölbung unheimlich das Gurgeln des verborgenen Bachs emportönt; bald sperrt eine Spalte, wie auf einem Gletscher, die ganze Breite. Über allem thronen hochoben lettige, wasserüberronnene Steilwände zur Linken, eine unübersehbare blanke Plattenflucht zur Rechten, die Schneeflucht aber zieht als schmutziggraues Eis empor zu einer Scharte hoch an den Wänden der Mädelegabel. Nur wenige schauen dies Bild; doch die vielen, welchen diese Pracht versagt bleibt, ahnen nicht, daß sein fast eindrucksvollerer Anblick nur wenige Minuten vom menschenüberlaufenen Weg entfernt, in beschaulicher Ruhe genossen werden kann. Von der Kemptner Hütte weg führen wellige Wiesenhänge nach Westen; man quert sie etwas ansteigend und gelangt nach einer kleinen Viertelstunde an den Rand der „Wilden Gräben“. Schwellende Moospolster breiten sich unter den Füßen hin. Sie werden steiler und steiler; endlich verliert sich der Blick in der verschwimmenden Tiefe; auf der finsteren Lawinenrinne bleibt er haften. Anfangs ziemlich breit, spitzt sie sich nach oben in einzelne Zungen zu, deren Ende von Schutt überrieselt ist; ihr mächtigster Ast strebt in steilem Aufschwung zur Mädelegabelscharte empor; eine glattgefegte, schmutzige Steinfallrinne durchreißt das graue Eis. Unheimlich ist die Färbung der schwärzlichdunklen Mergelwände. die von der Sohle weg stellenweise bis zur Kammlinie sich erheben; der Eindruck des Haltlosen, Unbeständigen spiegelt sich in den Hunderten von kleinen Tälern und Schluchten, welche die Erosion in ihre Steilflanken gegraben; man glaubt zu sehen, wie sie rückwärts schreitet und immer höher hinauf in das weiche Gestein frißt; und fast liegt in den regelmäßigen Linien ihrer Zerstörung etwas Künstlerisches. Plötzlich enden die feinen Konturen; die mächtige Zerstörerin hat einen starken Gegner gefunden; unvermittelt heben sich die grauen, fast ungegliederten Plattenwände in einer Flucht von vielen hundert Metern empor zu dem Riesenturm der Trettachspitze; jäh fällt die Silhouette zur Trettachscharte; über einer schneebedeckten Terrasse erhebt sich breit die Mädelegabel.
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Baptist Schraudolph So reich die Geschichte des Bodens ist, so wenig weiß uns die Geschichte von den Menschen zu erzählen, die etwa in den verlorenen Tälern unseres Gebiets lebten. Wohl ist der südliche Hang leichter zugänglich und von alters her werden die Alpen des Schochentals sowohl wie die über dem Hauptkamm auf bayerischer Seite liegende Obermädelealp vom Lechtal aus bezogen; und von der reichen Mahd hat auch die Gruppe ihren Namen erhalten.
Die Täler der bayerischen Seite schützten sich durch ihre Unzugänglichkeit selbst. Merkwürdige Namen wie Segunt, Marzergulo und Arbanten [2], die Örtlichkeiten in der Nähe Einödsbachs bezeichnen, mögen zwar dem Sprachforscher Anlaß zu Nachforschungen geben; doch werden sie kaum mehr bedeuten als einzelne erhaltene Blätter einer verlorenen Geschichte, zu denen die Fortsetzung fehlt. Zur Zeit der Bauernkriege werden Einwohner von Einödsbach ausdrücklich als Teilnehmer der Bewegung genannt; es bestand also damals schon diese Siedelung mit dem heutigen Namen. Von der jetzigen Niederlassung wurde das älteste Haus 1593 erbaut, des alten Baptist Schraudolph Gasthaus kann auf ein ehrwürdiges Alter von fast 250 Jahren zurückblicken. Von der nächstgelegenen Wohnstätte im Trettachtal, der Spielmannsau, wäre zu bemerken, daß ihre Bewohner einstens unter österreichischer Herrschaft standen. Ein kräftiger Menschenschlag lebt heute im Bereiche der Mädelegabel; er ist ein würdiger Nachwuchs jenes Geschlechts, das, Sommer wie Winter in ständiger Fühlung mit den heimischen Bergen, einstens ein gut Teil Erschließungsarbeit der Gruppe besorgte. Im Sommer allerdings läßt der Trubel des Fremdenverkehrs nur wenig vom Wesen der Einheimischen verspüren. Einödsbach ist ein Ort geworden, den jeder Oberstdorfer Sommerfrischler gesehen haben muß; ganze Karawanen pilgern alltäglich den breiten Saumpfad zum „südlichsten, ständig bewohnten Punkte Deutschland“; dann herrscht vor dem traulichen Holzbau wimmelndes Leben. Das interessante Bild aller möglichen Typen des modernen Fremdenpublikums steht im merkwürdigen Kontrast zu der überwältigenden Majestät der Bergwelt. Fragen schwirren; man erzählt sich manch Schauerliches von den Wänden dort oben; mancher fühlt sich berufen, den Mentor für noch Unwissendere zu spielen — dann hebt ein großes Umtaufen der Gipfel, ein eifriges Erzählen von Schaudermären an.

Vom Bacherloch kommt eine Partie, ängstlich erwartet von den Angehörigen, ob ihres halbstündigen Ausbleibens; ein kleiner Junge bringt einen triefenden, vom Sacktuch umhüllten Klumpen; von weitem schon ruft er die Freudenbotschaft, daß er wirklichen Schnee gefunden und mitgebracht; der ganze Tisch bewundert den „wirklichen Schnee“. Eine neue Partie erscheint, voran ein Führer, dann im stolzen Schritt ein paar forsche blutjunge Burschen. „Die kommen von der Mädelegabel“, raunt es an einem Tisch; die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich den Neuangekommenen zu; mancher erhebt sich, sie näher zu betrachten. Mancher schaut mit musterndem Blick zum kühnen Zacken der Trettach, den vorhin der „Kenner“ als Mädelegabel bezeichnet hat; mit leisem Kopfschütteln wendet der Blick sich wieder den Jünglingen zu; stolz empfangen sie den Tribut der allgemeinen Aufmerksamkeit. Doch sie ist rasch verflogen; der alte Baptist Schraudolph ist unter der Türe erschienen und wackelt langsam die Stufen herab: jedes will mit dem „berühmten Mann“ wenigstens einige Worte gesprochen haben; die Unvertrautheit, mit Einheimischen zu verkehren, ein gewisses Gefühl der Überlegenheit den Bauern gegenüber lässt manchen ein ungeeignetes Wort gebrauchen; die treffende Antwort bleibt nie aus; ein lautes Gelächter der nicht Betroffenen zwingt den Vorlauten zum unrühmlichen Rückzug. Schmunzelnd setzt sich der alle Baptist nach „getaner Arbeit“ zu seinen Freunden; doch die herzliche Vertrautheit einsamer Stunden vermag in der fremdartigen Umgebung schwer aufzukommen; die hagere kleine Gestalt selbst, bekleidet mit der gewohnten Flickenhose, das kühngeschnittene Gesicht mit den hellen Falkenaugen, mit schütterem Haupthaar und schütterem Knebelbart, braucht einen anderen Hintergrund als das hastige Treiben des Fremdenstroms. — Im Winter erwacht die ernste Tätigkeit zu vollem Leben. Das ist eine schwere, arbeitsvolle Zeit, wenn für die Burschen des Tals, die sich gegenseitig unterstützen, das Bacherloch für die Heuabfuhr an die Reihe gekommen ist. Man staunt die steilen, zierlich im Schnee gedrechselten Pfade an, welche die Steilhalden empor zu den höchsten Hängen führen; man staunt über die Trittsicherheit, mit der die Pfade begangen werden, man staunt noch mehr über die unvergleichliche Schneid beim Transport der schweren Heuhallen ins Tal herab; man wundert sich über die Ruhe, mit der die Burschen sich in die hintersten Gründe des lawinenbedrohten Bacherlochs begeben, man wundert sich aber nicht mehr, wenn man sie einmal sorgenden Gesichts den Gang verweigern sah. Ihr unfehlbarer Instinkt läßt sie erkennen, wenn die Sache nicht mehr geheuer ist; und wenn dann wirklich die Lawine an der bezeichneten Stelle losgegangen ist, erkennt man neidlos die überlegene Sicherheit ihrer Ortskenntnis an und Vertraut sich gerne dem unbefangenen Rat, der gerne gegeben wird. Der Dienst im schneeerfüllten Tobel ist schwer; er hat ein eigenes Hilfsmittel erzeugt; wenn der Schnee nicht trägt, nimmt der Einödsbacher statt Stock und Pickel die Schneeschaufel und indem er sie geschickt handhabt, weiß er treffliche Stufen am steilen Hang in überraschend kurzer Zeit herzustellen. Blitzschnell gleitet er dann, auf der Schaufel sitzend, den Stiel als Leitstange in den Händen, über die Höhen hinab.

Ausblick vom Bockkarkopf gegen Südwesten: Ellenbogner Spitz Der Platz vor dem Hause ist leer, tagelang hat die Sonne nicht mehr ins Tal geschienen; um den runden, warmen Ofen hängen die schneedurchtränkten Werkzeuge der frostigen Arbeit; man fühlt den Hauch der winterlichen Einsamkeit — der alte Baptist hat seinen Hintergrund gefunden. Wir sitzen als Gleichgestellte und Gleichgesinnte in der brühwarmen Stube; er fängt zu erzählen an von manchem Uninteressanten, von noch mehr Interessantem; wir staunen sein enormes Gedächtnis an; da taucht er tief zurück in die Vergangenheit und Schweigen herrscht in der Stube —— wir hören von Zeiten, wo die Berge ringsum noch keine Menschen auf ihren Scheiteln sahen, wir hören von mutigen Geißbuben, die sich vor keinem Teufel fürchteten, und wir vernehmen wieder andächtig Namen wie Zör und Barth und Winkler — und die Vergangenheit umgibt den alten, unscheinbaren Mann mit einem unnennbaren Zauber. Er ist vorbei; die zähe Kraft ist nicht ganz ohne eigene Schuld früher gebrochen, als die Natur ihr eigentlich bestimmt hatte; schwere Krankheit fesselt den Alten ans Bett. Doch wenn man der stillen Stunden gedenkt; wo man Erinnerungen fürs Leben erhielt, die nicht mehr geschenkt werden können, drängt sich der unheilige Wunsch auf, die Zeiger der Zeit um Jahre zurückzudrehen, um noch einmal den verlorenen Zauber genießen zu können. ——
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Spielmannsau mit Wilden Gräben und Trettachspitze Die Gruppe ist heute in der mustergültigsten Weise durch Weganlagen und Schutzhüttenbauten zugänglich gemacht. Zwei Einbruchspforten öffnen den Zugang von Norden; von Oberstdorf führen gute Fahrstraßen sowohl nach Spielmannsau im Trettachtal wie nach Birgsau und Einödsbach im Stillachtal. Alle genannten Orte bieten ausreichende Unterkunft und Verpflegung. Von beiden Endpunkten führen gut bezeichnete Wege zum Einödsberg, der sowohl den Übergang von einem Tal ins andere als auch den Anstieg zur Trettachspitze vermittelt; wahre Reitwege sind von den beiden Talstationen zu den Haupthütten der Gruppe geführt. Ein prächtiger, aus dem Felsen gesprengter Steig leitet in nahezu gleichmäßiger Steigung durch den Sperrbachtobel zur wohleingerichteten und bewirtschafteten Kemptner Hütte, von dort zum Fuße der Mädelegabel; ein ebenso bequemer Pfad, der die Fährlichkeiten des früher gefürchteten und doch so zahmen Wändles umgeht, verbindet seit dem Jahre 1906 das Waltenberger Haus, das nunmehr ebenfalls vergrößert und bewirtschaftet wird, mit Einödsbach einerseits, mit der Bockkarscharte anderseits. Dort vereinigt er sich mit dem berühmten »Heilbronnerweg«, der von der Rappensee Hütte über die Hochgipfel des Allgäuer Hauptkamms führt; wenige hundert Meter weiter schließt sich am Fuß der Mädelegabel der Ring der Wege, die um die Gruppe gelegt sind. Bedauerlicherweise ist die Genehmigung des Verbindungswegs zwischen Waltenberger Haus und Einödsberg quer durch das Mädelegabelkar aus Jagdgründen verweigert worden; doch ist bei der warmherzigen Förderung berechtigter touristischer Interessen durch Bayerns Regenten wohl zu hoffen, daß auch dieses großartigste Kleinod der Gruppe in nicht allzuferner Zeit der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Denn gegenwärtig wird die Querung der steilen Mergelflanken vom Waltenberger Haus ins Innere des Kars zwar dem Trettachersteiger keine Schwierigkeit bereiten, der durch sie am kürzesten den Fuß seines Bergs erreicht, wohl aber dem Durchschnitt der an Allgäuer Terrain nicht gewohnten Bergsteiger kaum anzuraten sein. Er stellt ähnliche Anforderungen an die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit wie jeder Steig, der vom normalen Wege in der Liasregion ableitet. Die Schwierigkeit der Orientierung ist nicht allzugroß; es ist nur zu merken, daß man, an der Begrenzungskante des Kars angelangt, einige 50 m emporsteigen muß, um geschickt ins Kar zu queren. Weit größer sind die Schwierigkeiten, welche jeder Versuch bietet, weglos vom Tal aus durch das Gewirr von Steilwiesen und Wändchen, dichtem Gestrüpp und kleinen Tobeln an den Fuß der Wände zu gelangen. Von den eigentlichen Gipfeln ist nur die Mädelegabel leicht; doch ist auch bei ihr ungeübten Personen die Mitnahme eines kundigen Begleiters unbedingt anzuraten. Die schwierigeren Routen weisen zwei charakteristische Eigenschaften auf: die Grate sind meistens sehr steil, scharf und von großer Brüchigkeit, doch nicht allzuschwer; Wandkletterei dagegen gestaltet sich meistens sehr schwierig; die vorherrschenden Platten sind zwar zumeist fest, doch griffarm und von enormer Steilheit und Ausgesetztheit; Kamine sind äußerst selten und wenn vorhanden, häufig Ungangbar; große Steilschluchten, wie sie für andere Dolomitgruppen vorherrschend sind, fehlen bis auf die Schlucht zwischen Mädelegabel und Trettachspitze. Die Orientierung ist durchschnittlich einfach, was sich aus dem Fehlen ausgedehnter Wände und der geringen Gliederung erklärt; die Beurteilung der Gangbarkeit läßt starke Täuschungen zu; die Erfahrung hat gelehrt, daß manches, was in anderen Gebieten nicht gerade sehr schwierig erscheinen möchte, hier sehr schwer oder unmöglich ist. So macht die sehr schwierige Trettachspitze von der Mädelegabel aus gesehen einen weit besseren Eindruck als manche an Schwierigkeiten weit ärmere Dolomittour; und der vermeintliche „Schmittkamin“, der die Westwand der Trettachspitze durchreißt und dem mit der „Dolomitenbrille“ behafteten Kletterer einen tief einschneidenden, schaurigen Schlund verspricht, ist nichts als eine flache, hängende, ungangbare Rinne. So bietet die Gruppe eine ganze Stufenleiter von Touren vom Mittelschweren bis zum Schwierigsten.
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Die touristische Geschichte der Mädelegabelgruppe zerfällt in drei große Hauptabschnitte. Der erste umfasst den Zeitraum von den schüchternen Anfangsversuchen der Mädelegabelbesteigung in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur denkwürdigen Ersteigung der Trettachspitze durch H. v. Barth im Jahre 1569. Der erste Grundstock zur Kenntnis der Gruppe wird gelegt, die einzelnen Gipfel werden erstiegen, die Zugangslinien von den Talstationen zur Hochregion gefunden. Einheimische und Fremde sind an der Ersteigungsgeschichte beteiligt, erstere mit überwiegendem Erfolg.

Der zweite Zeitraum reicht bis zum Jahre 1894. Die gefundenen Zugangswege zum Hauptgipfel der Gruppe werden für ein größeres Publikum zugänglich gemacht; Weganlagen und Schutzhüttenbauten bilden die Grundlage für einen reicheren Besuch; das touristische Interesse konzentriert sich auf den einen Gipfel und seine bequemen Zugangslinien; die Oberstdorfer Führerschaft paßt sich den nicht allzuweit gehenden Bedürfnissen der Touristen an. Die beiden anderen Gipfel der Gruppe bleiben stark vernachlässigt; neue Touren werden selten gewagt.

Der dritte Zeitraum bringt die vollständige touristische Erschließung der Gruppe. Man wendet sich den bisher vernachlässigten Bergen zu und eröffnet eine Reihe von neuen Anstiegslinien; die Schwierigkeit mancher gefundenen Routen lenkt das Interesse auch der Hochtouristen auf das wenig beachtete Gebiet. Die Erschließung wird vollendet, so daß wohl kaum mehr neue Wege von einiger Bedeutung gefunden werden können. Hand in Hand damit geht eine ständige Verbesserung der Zugangswege und Unterkunftsverhältnisse durch die beteiligten Sektionen: auch dieser Teil der Entwicklung dürfte als abgeschlossen gelten können.

Die Einzelheiten der Ersteigungsgeschichte seien der Besprechung der einzelnen Gipfel vorbehalten; Spiehlers Abhandlung „Allgäuer Alpen“ in der „Erschließung der Ostalpen“ bietet die beste Zusammenstellung der älteren Geschichte unseres Gebiets. Viele der Gewährsmänner des verdienten Allgäukenners sind jetzt ebenso wie Spiehler selbst tot; so gibt denn gerade dieses Kapitel eine wertvolle Illustration für den inneren Wert jenes großangelegten Werks, das die meistens nur mündlich vererbte Kunde von den ersten Zeiten des Bergsteigens gerade zur rechten Stunde gerettet hat, bevor ihre frische Erinnerung mit den Zeugen der Vergangenheit unwiederbringlich ins Grab sank. Man kann von Glück sprechen, wenn man heute noch einen der alten Garde zu sprechen weiß und aus den frühen Jahren der Erschließung der Gruppe Neues erfährt, Altes verbessern kann, was die oft unvermeidliche unrichtige Auffassung einer einheimischen Darstellung auch dem gewissenhaftesten Chronisten an Irrtümern in die Feder gespielt hat.
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I. Die Mädelegabel (2.645,7 m)

Gruppe der Mädelegabel Der gewöhnliche Weg: Dr. Bernhard Zör hat lange Zeit als der erste Ersteiger der Mädelegabel gegolten; die noch zu Lebzeiten Zörs 1548 von Stützle verfaßte Monographie von Oberstdorf enthält einen Bericht über eine 1811 ausgeführte Bergfahrt des unternehmenden Landgerichtsphysikus‚ der zu jener irrtümlichen Auffassung Anlaß gegeben hat. Spiehler hat einwandfrei nachgewiesen, daß nicht der Gipfel, sondern nur der Ferner am Fuße der Felsen erreicht wurde. Vielleicht nimmt auf diese Fahrt die: Stelle in „Südbayerns Oberfläche“ von Hauptmann J. F. Weiß Bezug: „Wer hier Glätscher besuchen wollte. der fände sie ebenfalls auf der Mädelegabel“. Der Gipfel selbst wurde zum erstenmal wohl anläßlich der Triangulierung des Allgäus 1818-1819 betreten. Die Begehung der Scharten sowie des Ferners ‚war vorher schon den Einheimischen wohl vertraut. Der erste, näher bekannte einheimische Ersteiger des Bergs, Baptist Schraudolph, wurde 1856 durch eine auf dem Gipfel emporragende Stange veranlaßt, den Kulminationspunkt zu ersteigen. Spiehler nimmt an, daß dieses Signal nicht von der Triangulierung, sondern von den Arbeiten der Grenzkommission 1835 herrührte, so daß auch damals die Mädelegabel erstiegen worden wäre. Leo Dorns Behauptung, daß er als 15-16jähriger Bursche, also 1850 oder 1851, von seiner Heimat Oberstdorf aus die Mädelegabel bestiegen habe, hat bei der außerordentlichen Zuverlässigkeit der örtlichen und zeitlichen Angaben, die die sonstigen Erinnerungen dieses kühnen Bergsteigers auszeichnen, berechtigten Anspruch, als richtig betrachtet zu werden. Die Aufklärung über eine Ersteigung durch Forstmeister Goldmaier, Förster Schwarzkopf, die Jagdgehilfen Brandner und Schaafhittl wird kaum mehr möglich sein, da sämtliche Beteiligten tot sind. Die Besteigung erfolgte 1851 von Einödsbach aus, der Abstieg nach Spielmannsau um die Südseite des Kratzers. Die Erzählung des Försters Schwarzkopf, welche Spiehler wiedergibt, ist sachlich so richtig. daß wohl auch diese Besteigung kaum angezweifelt werden darf; auch der einzige strittige Punkt, daß auf dem Gipfel keine Stange und kein Zeichen menschlicher Anwesenheit vorgefunden wurde, läßt sich leicht dahin erklären, daß die von Schraudolph vorgefundene Stange in der Zwischenzeit auf irgend eine Weise verschwunden war. Die Entscheidung aber, welcher der beiden vorgenannten Partien die Priorität zuzuschreiben ist, wird kaum mehr getroffen werden können. Zweifellos hat Professor Sendtner als erster Tourist 1852 die Mädelegabel betreten; nach den Angaben von Groß ging er von der Obermädelealpe aus „an den nördlichen Geröllhalden des Kratzers, hart am Rande der Schwarzen Milz, auch Hohentrettach genannt, hinauf, weiter oben durch die ungeheuren Felstrümmer, die vom Gipfel des Kratzers sich ablösten, um hinter diesen etliche lose Geschiebe und Lawinenreste zu überspringen, um auf das feste Gestein des Querjochs zu gelangen, welches den Kratzer mit dem Mädelestock verbindet und die Wasserscheide ist zwischen Iller und Lech…“ Ein Begleiter Sendtners auf dieser Bergfahrt ist nicht genannt. Ein schwer lösbarer Widerspruch zu dieser Darstellung ist eine andere Angabe des Groß, nach der mit Vinzenz Schraudolphs (von Einödsbach) Hilfe »Sendtner der stolzen Jungfrau den Strohkranz auf das Haupt gedrückt“. Die richtige Lösung deutet Spiehler an, indem er aus Sendtners Barometermessungen den Schluß zieht, daß der berühmte Botaniker zweimal die Mädelegabel erstieg. Mit Recht wird Sendtner deshalb wohl auch die erste touristische Ersteigung von Einödsbach zugesprochen werden; welche von beiden Ersteigungen aber zeitlich vorausging, wird nicht zu entscheiden sein.

Am 24. August 1834 vermieden Groß und Dobel jun. in Begleitung einer größeren, auch aus Damen bestehenden Gesellschaft auf dem Rückwege von der Mädelegabel den für ängstliche Gemüter nicht eben angenehmen Weg auf der Nordseite des Kratzers, indem sie den Kratzer auf der Südseite umgingen. Groß hielt diesen Weg für neu; nach den obigen Angaben Schwarzkopfs ist seine Auffassung unrichtig; doch ist die Wiederentdeckung insoferne wichtig, als künftighin diese Route Regel für jene wurde, die von der Spielmannsau aus die Mädelegabel bestiegen. Die Einödsbacher Route deckt sich nach der etwas wagen Beschreibung von Groß mit der jetztüblichen. Merkwürdig wie die widerspruchsvollen Angaben über die Ersteigungen des Bergs sind die Berichte über die ersten Führer auf die Mädelegabel; nicht weniger als drei Persönlichkeiten teilen sich in die Ehren: Groß nennt Vinzenz Schraudolph als den „erfahrensten und zuverlässigsten Führer für den Besteiger des Mädeli von Einödsbach aus“. Spiehler nennt den einarmigen Hafner Hipp von Oberstdorf. der der Dobelschen Ersteigung 1854 teilgenommen hatte, um den Aufstieg kennen zu lernen, als Hauptführer; er führte 1867 mit A. v. Ruthner seine 78. Besteigung aus. Edmund Probst gibt an, daß der erste Mädelegabelführer Braeck einarmig gewesen sei: mit ihm hat Probst 1866 die Mädelegabel bestiegen. Man darf wohl annehmen, daß Baptist Schraudolph der erste einheimische Ersteiger der Mädelegabel, den einen oder anderen Fremden zu unserem Berg geleitet hat. Über alle für die Ersteigungsgeschichte nicht allzu belangreichen Schwierigkeiten hilft die Schlußfolgerung hinweg. daß in den fünfziger Jahren bereits vier gleichwertige Führer für die Mädelegabel zur Verfügung standen. Unter ihnen bekam Baptist Schraudolph den größten Ruf; von seiner Autorisierung (1875) bis zum Jahre 1897 hat er 416 Partien, im Ganzen gegen 500 auf den Berg geführt.

Alle genannten Wege sind Zugangslinien zum Gipfelmassiv des Bergs und vereinigen sich am Fuße der Felsen; dort wird nach Überschreitung der Randkluft des Ferners, die je nach ihrer Beschaffenheit ängstlichen Gemütern eitrige unangenehme Augenblicke bereitet, über einige seichte Rinnen, stolz „Kamin“ genannt, der Ostgrat und in kurzer Kletterei die Spitze erreicht.

Waltenberger Haus Die Zugangslinien auszubauen, war eine Hauptaufgabe der jungen Sektionen, die im Allgäu sich an den D. u. Ö. Alpenverein angliederten; schon 1875 wurde die erste Unterkunftshütte an einem mächtigen Felsblock hoch oben im Bockkar von der Sektion Allgäu-lmmenstadt erbaut und nach deren verdienstvollem ersten Vorstand „Waltenberger Haus“ genannt.

Kemptner Hütte Eigentümlich berührt in unserer Zeit der Schutzhüttenpaläste der bescheidene Preis von 2420 Mark; die Lage war nach vielen Richtungen hin nicht günstig, so daß bei einem notwendigen Umbau 1884 gerne der jetzige Standort gewählt wurde. An anderer Stelle wurde bereits erwähnt, wie in einer vernünftigen Anpassung an die fortschreitende Entwicklung die Sektion Allgäu-Immenstadt ihr Heim ebenso zweckmäßig ausgestaltet hat wie auf der andern Seite des Bergs die Schwestersektion Allgäu-Kempten die Kemptner Hütte immer mehr berechtigten Forderungen anpaßte. Das letztgenannte Unterkunftshaus war verhältnismäßig spät erst Jahre 1891, eröffnet und damit auch dem Anstieg von der Spielmannsau der nötige Stützpunkt geschaffen worden.

Eine weitere Route hat mit den vorgenannten vieles insoferne gemeinsam, als sie ebenfalls nur eine neue Zugangslinie zum Fuße des Gipfelmassivs darstellt — die Route durch die Wilden Gräben; sie bewegt sich zum größten Teile auf den Lawinenresten der Trettachrinne; mit den wechselnden Schneeverhältnissen wechselt auch die Schwierigkeit und Dauer ihrer Begehung. In ungefähr gleicher Höhe mit der tiefsten Einschartung der Schwarzen Milz wird die im Sommer im oberen Teile meist von Eis erfüllte Rinne verlassen und über steile Lettenhalden und Schneerinnen nach zur erwähnten Einsattelung gequert. Empfehlenswerter, aber nur für durchaus sichere Gänger, ist in günstigen Sommern der Abstieg auf diesem Wege, der die kürzeste Verbindung mit Spielmannsau herstellt. Baptist Schraudolph hat jedenfalls wenigstens den obersten Teil benützt, lange ehe Touristen an dessen Begehung dachten. Nach seiner Erzählung stieg er wiederholt auf dem beschriebenen Wege in die Trettachrinne ab, verließ sie aber unter den Wänden der Trettachspitze und querte auf den unter den Felsabstürzen sich hinziehenden Bändern der „Hohen Trettach“ zum Spätengundkopf und Einödsberg; praktische Rücksichten veranlaßten Schraudolph zur häufigen Benützung dieser Route, da sie für ihn bei günstigen Schneeverhältnissen die kürzeste Verbindung mit Einödsbach herstellte. 1868 beging Waltenberger zum erstenmal die ganze Rinne im Aufstieg von Spielmannsau. 1880 führte Schraudolph Otto Heiß und Kösel denselben Weg im Abstieg; Kösel und Lutz führten später die oben erwähnte Variante Schraudolphs aus; die nicht allzu zahlreichen späteren Begehungen geben zu weiteren Bemerkungen keinen Anlaß!

Mädelegabel und Trettachspitze von Osten Der Nordgrat: Er wurde von Kösel im August 1834 zum erstenmal betreten. Wie aus den etwas farblosen Daten A. Spiehlers hervorgeht, stieg Kösel von Einödsbach direkt über die Hänge des Laubschrofens zum Mädelegabelkar, von hier über das Kar in die von der Mädelegabel direkt abstürzenden Felsen, hielt sich links gegen die Trettachspitze und erreichte den Grat zwischen dieser und der Mädelegabel. Zwei Angaben bedürfen hierbei der Richtigstellung. Die Zeit von 2 3/4 Stunden für den ganzen Anstieg ist zu niedrig gegriffen, selbst wenn Kösel von allen lrrgängen der Mittelregion verschont geblieben ist und auch in den ziemlich komplizierten Wänden der Mädelegabel den besten Weg zu finden das Glück gehabt hat. Die Mitteilung, daß Kösel „keine besonderen Schwierigkeiten“ fand, wurde von den nachfolgenden Partien nicht bestätigt. Kranzfelder und Stritzl führten im Juli 1892 die zweite, M. Zimmer und F. Rosenplänter am 2o. September 1892 die dritte Begehung aus. Frau von Chelminski gelang mit Führer Zobel jun. der erste Abstieg am 11.Juni 1893; starke Schneebedeckung und Vereisung —— eine Folge der frühen Jahreszeit — gestalteten die Unternehmung zu einer höchst abenteuerlichen!

Am 20. August desselben lahrs wurde die vierte Ersteigung von Ernst u. ]osef Enzensperger und Karl Neumann unternonnnen. Von Einödsbach aus wurde direkt zum trümmererfüllten Mädelegabelkar emporgestiegen. Das große, vom nördlichen Ende der breiten Trettachscharte durch die Westwand herabziehende Couloir, welches unten in senkrechten Wänden abbricht, wurde hart über dem Absturz mit Quergang von links nach rechts auf breitem Band erreicht, im ersten Drittel die Sohle der Schlucht verfolgt, dann nach rechts auf die wild zerrissene Begrenzungsrippe geklettert und diese schwierig bis zur Scharte (1-1/2 Stunden von der Mitte des Kars) verfolgt. Der Nordgrat selbst bot keine wesentlichen Schwierigkeiten mehr: anfänglich in die Westseite ausweichend, dann den geröllbedeckten Grat verfolgend, gelangte die Partie schließlich auf der Ostflanke auf den Gipfel (3/4 - 1 Stunde --- Die Felsszenerie ist vielleicht die eindrucksvollste und großartigste im Bereiche der Gruppe, die Kletterei abwechslungsreich und genußvoll. Es ist deshalb bedauerlich, daß diese Tour bisher verhältnismäßig wenig Freunde gefunden hat. Von den Allgäuer Führern hat, soweit bekannt geworden, außer Zobel nur Franz Schraudolph die Ersteigung ausgeführt, doch sind unter ihnen mehrere vorhanden, die nur der Anregung eines Touristen bedürfen, um den interessanten Weg zugehen. Von späteren Partien wäre die der Herren Steinbach und Zink zu nennen; die Sohle der Schlucht wurde bis zur Scharte beibehalten, was nur unter erheblichen Schwierigkeiten gelang.

Trettachspitze von der Rotgundspitze aus Der Südwestgrat: Bapt. Schraudolph hat in den fünfziger Jahren einen Touristen auf diesem Weg zur Mädelegabel geführt. Die Ersteigung war so wenig bekannt geworden, daß Frau v. Chelminski und J. Enzenspergers am 8. Oktober 1893 glaubten, zum ersten Male den Gipfel auf diesem Wege gewonnen zu haben. Die Begehungen dieses höchst interessanten Grats, der nur an einer Stelle kurz nach seinem Aufschwung von der Scharte zwischen der Hochfrottspitze und Mädelegabel einen schwierigen und exponierten Quergang von der Ostabdachung auf die Westseite erfordert, sind erfreulicherweise in den letzten Jahren sowohl im Aufstieg wie im Abstieg häufiger geworden; man erreicht dabei meist nicht wie bei den ersten Partien die Scharte zwischen den beiden Gipfeln vom Ferner aus, dessen überdeckte Randkluft oft Vorsicht erheischt, sondern verbindet damit zugleich die Überschreitung der Hochfrottspitze. Auch in Führerkreisen scheint sich diese Route zunehmender Beliebtheit zu erfreuen; Franz Braxmeier hat laut Ausweis seines Führerbuchs seit 1898 einer Reihe von Touristen den schönen und nicht allzu schwierigen Genuß dieser Kletterei verschafft.

Wintertouren: Die winterliche Ersteigung der Mädelegabel hat ihre eigene Geschichte; sie spiegelt sich weniger in der Anzahl der gelungenen Besteigungen wieder als in der weitaus größeren Anzahl von Versuchen, die unbekannt geblieben sind. Unter günstigen Schneeverhältnissen gestaltet sich die Tour fast einfacher und vor allem müheloser wie im Sommer; nur das schmale Band des Wändle, das meistens vereist und von Schnee verweht ist, bietet einige Schwierigkeiten; zur Bockkarscharte zieht ein ununterbrochenes Schneefeld; die Madelegabel selbst trägt einen Schneemantel bis an den Grat, dessen Wächtenbildungen bei einiger Vorsicht leicht zu vermeiden sind. Wie ändern sich aber die Verhältnisse, wenn weicher Schnee schon auf der wenig geneigten Fläche des Bacherlochs nur mühsam Schritt für Schritt gewinnen läßt, wenn die überschneiten Trümmer der Lawinen Hindernis an Hindernis auftürmen! Die steilen Hänge zum Waltenberger Haus zermürben durch ihren einförmigen, aber um so intensiveren Widerstand die letzte Kraft und der ständige Anblick des scheinbar so nahen Obdachs, das trotz aller Anstrengung nicht näher zu kommen scheint, lähmt die Energie, statt sie zu erfrischen. Manche froh geplante und kraftvoll begonnene Winterfahrt fand hier beim schönsten Sonnenschein ihr frühzeitiges Ende, manche in den endlosen Schneemassen des Bockkars. Mancher kühne Bergsteiger ward schon im Angesichts des erhofften Gipfels durch das wütende Schneetreiben, den ärgsten Feind der Wintertouristen, zum Rückzug getrieben; manchem mags auch gegangen sein, wie mir's mit meinem Bruder als blutjungem Bürschlein erging. In abenteuerlichem Nachtanstieg hatten wir mit einigen Kemptner Herren über den Sperrbachtobel endlich gegen Mittag den Fuß des Gipfels erreicht. Die Sonne brannte heiß; wir waren alle herzlich müde; doch junges Blut hängt zäh an Absichten fest, selbst wenn die Vernunft sie widerrät. Wir beide verbanden uns durchs Seil und stiegen den grell beschienenen Hang empor, der schon bedenklich von einigen Querrissen durchzogen war. Einen wagten wir noch zu überschreiten; als dann beim nächsten nahe am Gipfelgrat ein eigentümliches Knirschen den ganzen Berg zu durchzittern schien, war's um unsere Schneid geschehen.

Wenige Minuten später holten wir unsere vorausgeeilten Gefährten wieder ein; wir blickten lange zurück; doch zu unserem Leidwesen gab der Berg der moralischen Unanfechtbarkeit unseres Entschlusses nicht die erhoffte äußerliche Bestätigung. Meinem jugendlichen Ehrgeiz gab noch lange später die unnütze Frage viel zu schaffen, ob wir nicht doch vielleicht hinaufgekommen waren. —

Ernst und eindrucksvoll gestaltet sich die Ersteigung im Frühjahr; denn stundenlang geht die Wanderung in der mächtigen Lawinenschlucht des Sperrbachtobels oder des Bacherlochs; wohl ist es möglich, die Gefahr auf ein Mininium zu reduzieren, indem man zur Nachtzeit den langen Aufstieg durch die bedrohten Teile unternimmt; ein rascher Abstieg mag dann auch am Tage ohne allzugroße Fährlichkeit gewagt werden. Doch wird keiner sich des beklemmenden Gefühls einer Mausefalle erwehren können, wenn er die Zusammenschnürung betritt, die jeder der beiden Tobel in der Mitte aufweist. Wie vielen Partien ist dieser gefährlichste Teil der Wanderung unter mißlichen Verhältnissen geglückt!

An einer Stelle und zu einer Zeit, wo jede Gefahr ausgeschlossen erscheint, im oberen Bockkar, forderte der Berg zwei junge, blühende Leben als Opfer. Vier Münchener Bergsteiger hatten am 8. Dezember 1902 im Abstieg von der Mädelegabel die Bockkarscharte erreicht; die Herren Gebhard und Knößl schickten sich eben an, die nicht allzu steile Halde herabzusteigen. Mit jener Plötzlichkeit, die Staublawinen so verhängnisvoll macht, geriet der ganze Hang von Pulverschnee in Bewegung und fuhr mit den Unglücklichen vor den Augen der Kameraden zur Tiefe. Als die letzten Schneeschleier verweht waren, waren zugleich zwei hoffnungsvolle Männer aus dem Buche des Lebens gestrichen.

Den Herren Heiß und Dr. Fürst aus Kempten gelang die erste bekannte winterliche Ersteigung des Bergs am 29. Januar 1882; Wundt wiederholte die Tour unter Schraudolphs Führung am 9. April 1887, Th. Neumayer am 2. Januar 1889. Im letzten Jahrzehnt dürfte wohl kein Jahr verstrichen sein, ohne daß winterliche Ersteiger die Mädelegabel betreten hätten.
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Hochfrottspitze II. Die Hochfrottspitze (2.648,8 m)

An Eindruck der Formen steht sie sicherlich dem vielbestichten Nachbarn nicht nach; da sie zugleich der Kulminationspunkt der Gruppe ist, kann die langjährige stiefmütterliche Behandlung des schönen Bergs nur in der Törin (weibliche Form zu Tor Quelle: www.duden.de) Mode ihre Erklärung finden, die im Alpinismus wohl keine geringere Rolle spielt wie im gewöhnlichen Leben. Auch Spiehler widmet der Geschichte dieses Gipfels notgedrungen nur wenige Zeilen. Nicht weniger als sechs verschiedene Routen führen heute auf den Berg, von denen vier Anspruch auf volle Selbständigkeit erheben.

I. Der gewöhnliche Weg durch die Ostwand. Der Nordwestgrat. Die Südwand:
Die drei Wege sind auf verhältnismäßig engem Raume zusammengedrängt. Meistens wird über den Ferner, der hier infolge verdeckter Spalten Vorsicht erheischt, der flachen Rinne zugestrebt, die zur Scharte zwischen den zwei Gipfeln emporzieht; beide werden von hier aus leicht gewonnen. Die Begehung der häufig noch von Schneeresten bedeckten und wasserüberronnenen Platten bietet mittlere Schwierigkeiten. Der Nordwestgrat wird zumeist in Verbindung mit dem Südwestgrat der Mädelegabel gewählt; man klettert teils neben, teils auf dem Grat; das Urteil über die Schwierigkeit der Tour schwankt, je nachdem die gangbaren Stellen richtig getroffen werden. H. von Barth führte im Jahre 1869 die erste Ersteigung des Bergs aus; die Route fällt im allgemeinen mit der über den Nordgrat zusammen. Ihm folgte 1870 Waltenberger. Am 23.Juli 1888 beging Fambach zum erstenmal die Südwand. „Abweichend von der Barthschen Route kletterte ich durch eine sehr steile Felsrinne, welche vom Ferner durch die Mitte der Südwand geradlinig zum Gipfel emporführte. Die Besteigung bietet, abgesehen von der bedeutenden Steilheit der Südwand, keine besonderen Schwierigkeiten, ist jedoch durchweg Kletterpartie“. Eine weitere Begehung dieser Route ist nicht bekanntgeworden. Modlmayrerstieg am 3. September 1890 den südwestlichen der beiden Gipfel „auf einer Linie links von der Barthschen Router“; sie dürfte wohl mit der jetzt gebräuchlichen Anstiegslinie zusammenfallen.

Der Südwestgrat:
Er stellt den weitaus kürzesten Zugang zum Gipfel dar und bietet kaum mehr Schwierigkeiten als die gewöhnlichen Routen. Um so verwunderlicher ist, daß erst am 16. September 1894 E. u. J. Enzensperger und Karl Neumann die erste Begehung ausführten. Eine schwierige Stelle in der Mitte des Grats wurde rasch überwunden; 26 Minuten nach Verlassen der Bockkarscharte war der erste, nach einigen Minuten der zweite Gipfel erreicht; in weiteren 53 Minuten wurde der Gratübergang zur Mädelegabel ausgeführt. Die Tour hat inzwischen viele Freunde gefunden; auch Führer Braxmaier hat sie seit demjahre 1898 wiederholt mit Touristen begangen.

Westlicher und östlicher Berg der guten Hoffnung. Westgrat der Hochfrottspitze:
Dieser langgezogene Rücken, der an seinem westlichen Ende die beiden unbedeutenden Erhebungen trägt, wurde am 7. Oktober 1896 zum erstenmal von E. Christa, E. Enzensperger und A. Weixler betreten. Die Partie stieg vom Waltenberger Haus den gewöhnlichen Mädelegabelweg so weit empor, bis ein unter dem östlichen Berg der guten Hoffnung nach links zum westlichen streichendes Band sichtbar wurde; in der zur Scharte zwischen Hochfrottspitze und den beiden Erhebungen ziehenden, brüchigen Rinne wurde der Anfang des Bandes erreicht und auf demselben unschwierig die breite Klippe gewonnen; diese kürzeste Tour vom Waltenberger Haus aus ist empfehlenswert wegen der grandiosen Nahsicht ins Bacherloch und in das Mädelegabelkar. Nach der Rückkehr zur Rinne wurde diese aufwärts zur Scharte verfolgt und die zweite Erhebung über den kurzen, aber schneidigen Ostgrat in schwieriger Kletterei erreicht. Die weitere Begehung des relativ breiten Grats ist technisch einförmig, aber infolge der stets fesselnden Szenerie von großem Reiz. Kurz oberhalb der Einmündung der Schneerinne, welche die Westwflanke des Bergs durchreißt, mußte ein Abbruch des Grats nach links auf schmalen Bändern umgangen werden; die Route mündet auf die Scharte zwischen den beiden Gipfeln der Hochfrottspitze. A. und G. Schulze und H. Wein vollführten am 29. Juli 1900 einen direkten Gratübergang vom östlichen zum westlichen Berg der guten Hoffnung. Der Abstieg erfolgte nahe der steilen Gratkante sehr schwierig und ausgesetzt).

Die Westwand:
Schon weit draußen im lllertal lenkt eine weißschimmernde Schneerinne den Blick auf sich, die von einer Schulter nahe am Gipfelbau der Hochfrottspitze ihren Anfang nimmt; von Einödsbach aus ist die in der Westwand eingebettete Rinne nur wenig sichtbar, um so mehr nimmt die breite Wandfiucht selbst das Interesse gefangen. Lange Zeit galt die Durchkletterung dieser Wand als eines der schönsten Probleme in der Mädelegabelgruppe; dessen Durchführung gelang E. Enzensperger., E. Heimhuber, Dr. Ch. Müller und Th. Otto am 26. September 1893.
Sie stiegen vom Waltenberger Haus auf dem bekannten Wege ins Mädelegabelkar und wandten sich der Rinne zu, die im Hintergrunde des Karbodens sich zur Scharte zwischen Hochfrottspitze und ötlichem Berg der guten Hoffnung emporzieht; dieselbe wurde aber nicht bis zu ihrem Ende verfolgt, sondern ungefähr in ihrer Mitte verlassen und nach links in einer mittelschweren Plattenrinne emporgeklettert, die in einem ungangbaren, weit überwölbten Überhang endet: wenige Meter vor dem Abschluss wurde die linke (im Aufstieg) Begrenzungswand der Rinne über einen sehr schweren Überhang erklettert und nach wenigen Minuten die breite Geröllterrasse erreicht, die den Eingang zur erwähnten Schneerinne vermittelt. Der späten Jahreszeit entsprechend war sie im unteren Teile aper, in den oberen zwei Dritteln von grauem Eis erfüllt. Die Partie arbeitete sich in der brüchigen Verschneidung empor, welche die (im Anstieg) linke, überhängende Begrenzungswand mit dem Boden der Rinne bildet, querte an geeigneter Stelle die Eisrinne und stieg in den schwierigen Platten, nahe am rechten Rande zum Westgrat der Hochfrottspitze, der am letzten Gipfelabbruch erreicht wurde.

Die abwechslungsreiche Tour gehört zu den landschaftlich eindruckvollsten der Gruppe und bildet den schönsten Zugang zur Hochfrottspitze; mit Ausnahme des einen Überhangs, der wahrscheinlich umgangen werden kann, sind die Schwierigkeiten ungefähr wie die der gewöhnlichen Anstiege auf die Trettachspitze; die Schneerinne selbst dürfte zu früherer Jahreszeit vollkommen begangen werden können. Prachtvoll ist der Blick in die Westwände der Mädelegabel und Trettachspitze. Die schöne Kletterei verdient mehr Freunde, als sie bisher gefunden hat; außer den Ersteigungen durch Fräulein Gusti Schneider und E. Heimhuber 1899 und Dempf und E. Heimhuber 1902 sind keine weiteren bekannt geworden.

Die erste Winterersteigung der Hochfrottspitze wurde am 10. April 1887 von Wundt mit Bapt. Schraudolph über die Ostwand ausgeführt; denselben Aufstieg wählten am 27. Dezember 1897 E. und J. Enzensperger und Dr. M. Madlener; weicher, tiefer Schnee machte die Überwindung der Plattentinne sehr an strengend und bei der bedeutenden Steilheit lawinengefährlich; der Abstieg wurde über den nahezu aperen Südgrat genommen.

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III. Die Trettachspitze (2.595,4 m)
Trettachspitze von Norden Wenn eine Spitze unersteigbar ist, so muß es diese sein! — so möchte wohl ein jeder ausrufen, der vom Mädelejoch der Südseite des Kratzers entlang dem Gipfel der Mädelegabel zuwandert und auf dem Höhenrande der Schwarzen Milz urplötzlich des Obelisken ansichtig wird, der als Vorposten der zentralen Gebirgsmasse auf dem Scheidekamme zwischen Trettach und Einödsbach thront. Mag er als gewiegterer Kenner der Berge noch Zweifel hegen an der reellen Wahrheit dieser Gipfelgestalt, mag er sie sich betrachten von Süden, Westen oder Norden — immer der gleiche, abgerissene, isolierte, schlanke Bau; bald Sättle und bald schiefes Horn, einem aufgereckten Riesenfinger gleich gen Himmel weisend; —— im günstigsten Falle ein aufgekrünnnter, zuckerhutartiger Kegel. Herausfordernd einen jeden, in dessen Adern etwas Gemsenblut rollt, von allen Seiten drohend, unangreifbar ihn zurückweisend —— so rechtfertigt die Trettachspitze, wo immer man sie beschauen mag, jenes erstgefällte Urteil: Wenn eine Spitze unbesteigbar ist, so muß es diese sein. Mit diesen schwungvollen Worten leitet H. v. Barth die berühmte Schilderung seiner ersten Ersteigung der Trettachspitze ein; und die ganze Beschreibung spiegelt den tiefen Eindruck wieder, welchen der kühnste Felsengipfel des Allgäus auf den Bezwinger so mancher kühnen Zinne machte. Heute ist der Berg von allen Seiten erstiegen, sämtliche Stellwände, die selbst einem Barth unnahbar erschienen, sind durchklettert — ein beredtes Zeichen für die Entwicklung des Alpinismus. Der Ruf, der schwerste Felsberg des Allgäus zu sein, ist der "Trettachspitze erhalten geblieben; manche ihrer Routen stellt sich getrost den schweren Felstouren berühmter Gebiete an die Seite. Reizroll wie der Berg selbst ist die Geschichte seiner Erschließung.

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Glossar:
Online-Veröffentlichung der Abhandlung "Die Gruppe der Mädelegabel" aus dem gleichnamigen Bergführer von Ernst Enzensperger aus dem Jahr 1909 im Rahmen einer gemeinfreien Nutzung nach dem Urheberrecht. Eine Veröffentlich erfolgte bereits 1907 in der Zeitschrift des DÖAV.
Rechtschreibung, Zeichensetzung und Satzbau sind im originalen Zustand belassen worden. Als zusätzliches gestalterisches Mittel wurden aktuelle und teilweise auch historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen in die ursprünglich unbebilderte Erzählung eingebaut. Die Aufnahmen sind zur Auflockerung des Textes gedacht und versuchen einen regionalen Bezug zur Erzählung herzustellen. Mit Ausnahme der nach Original-Vorlagen des Verfassers lithographirten Skizzen der Höfats handelt es sich hierbei um keine überlieferten echten Bild- u. Zeitdokumente aus jener Zeit.
Zur besseren Einordnung abweichender geographischer Bezeichnungen und zum besseren Verständnis einiger von Barth benutzter und im heutigen Sprachgebrauch weithin unbekannter Ausdrücke wurden aktuelle "Bergnamen" ergänzt und gesonderte Fußnoten angebracht (Fußnoten werden auch beim Überfahren mit der Maus angezeigt) bzw. am Ende der Erzählung in einem Glossar zusammengefasst.

Zusätzlicher Hinweis: Die Aufarbeitung bzw. Bereitstellung dieses Dokumentes ist im Sinne der Verfügbarmachung eines alpinhistorischen literarischen Werkes zu verstehen. Die Tourenbeschreibung ersetzt keinesfalls aktuelle Bergführerliteratur.
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Glossar:
[1] kulminieren: kulminieren (franz. culminer): den Höhepunkt erreichen, den Gipfelpunkt erreichen (Quelle: duden.de) -->zurück
[2] Arbanten: Auf der Höhe von Einödsbach verschwindet der Rappenalpbach in eine Schlucht, den sogenannten Arbanten, und danach heißt er Stillach (Quelle: http://www.oberstdorf-online.info) -->zurück


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