"BOULDERN" von Bernd Zangerl



Zum Autor:
Bernd Zangerl wurde 1978 in Flirsch im Arlberg (Tirol) geboren. Von Geburt an von Bergen umgeben, dauerte es nicht lange, bis er von dieser großartigen und scheinbar endlosen Welt aus Gletschern, Schluchten und Gipfeln angezogen wurde. Nach großen Erfolgen im alpinen Klettern, wandte sich Bernd Zangerl schließlich dem Bouldern zu und fand hier seine wahre Leidenschaft.

Zum Inhalt:
John Gill, der Vater des heutigen Boulderns, reflektiert im Vorwort kurz die Entstehung des Boulderns und skizziert dabei wichtige historische Boulder, z.B. Fontainebleaus in den französischen Alpen. Er spannt einen Bogen von seiner eigenen Entwicklung und dem Ende seiner ernsthaften Boulderphase in 1987 bis zur heutigen Popularität, mit der erstmaligen Aufnahme des Bouldern in das Programm der Olympischen Spiele in 2020. Abschließend stellt er Bernd Zangerl als herausragendsten Vertreter dieses Sports gemeinsam mit seinem ersten Boulder-Buch in den Vordergrund.

Bernd Zangerl beschreibt seine Inspiration im gleichnamigen Kapitel und schildert seine Faszination bereits im Jugendalter zu den Büchern von Reinhard Karl. Schnell war klar, dass er die Welt entdecken wollte. Als Schüler nutzte er die Wochenenden um dem Alltag zu entfliehen und lernte durch seinen Freund und Bergführer Peter Grissemann das Klettern. Marmolada-Südwand, Grand Capucin und der heimatliche Wilde Kaiser sind dabei nur einige Stationen wilder Abenteuer.

Seinen ersten "unfreiwilligen" Boulder kletterte Bernd Zangerl 1995, wobei das Wort "Bouldern" noch nicht den heutigen Stellenwert bzw. Bekanntheitsgrad hatte. Das Ereignis fand im Klettergarten Schnann mit der Bewältigung der fünf Meter hohen und stark überhängenden Route "Flatline" statt. Von da an vollzog sich der eigentlich Wandel, weg vom reinen alpinen Klettern hin zum Bouldern, was Ihn jedoch nicht daran hinderte weiterhin in der ganzen Welt unterwegs zu sein.

Mit bewegenden Worten schildert Bernd Zangerl im Kapitel "Projekte und die Kunst des Scheiterns" sein persönlichstes Projekt: Die Rückkehr ins Leben nach einem schweren Sturz. Entgegen der Meinigung der Schulmedizin einer irreparablen Verletzung kämpfte sich Bernd Zangerl - auch und gerade mit Hilfe des Bouldern - zurück in den Alltag.

Bernd Zangerl beschreibt in seinem Buch die Faszination, die das Bouldern auf Ihn ausübt. Im Einklang mit der Natur das Problem oder die Herausforderungen eines Boulder zu lesen, dem sogenannten "Decoding", um manchmal bis zur Erschöpfung in unzähligen Anläufen und gescheiterten Versuchen die Lösung zu finden.

Zitat:" Wenn alles im Fluss ist, Körper und Geist in absoluter Balance, wenn das Denken wegfällt, dann wird Bouldern zum Tanzen. Der Kletterer verschmilzt mit der Materie Fels, alles wird ganz leicht und einfach. Ob der Geist zum Körper wird oder der Körper zum Geist, bleibt schlussendlich auch nur eine Anschauungssache, die jeder für sich selbst finden muss." Zitat Ende.

Bernd Zangerl greift neben aller Schwärmerei aber auch das Thema Nachhaltigkeit auf und macht auf die Schattenseiten des anhaltenden Kletter- Boulderbooms aufmerksam. Weltweit erhöht sich die Anzahl der Frequenz an Outdoor-Sportlern die sich die schrumpfende Fläche in der Natur teilen wollen, was den Druck auf die Umwelt enorm erhöht. Kritisch und ohne rosa Brille beschreibt Bernd Zangerl diese Entwicklung. Hierzu versucht er dem Leser seine Vorstellung und seine Prinzipien von Nachhaltigkeit nahe zu bringen. In einem spannenden beispielhaften Projekt berät Bernd Zangerl die Bewohner im indischen Rakchham, den Bouldertourismus von Anfang an in geregelte Bahnen zu lenken.

In einem weiteren Kapitel porträtiert Bernd Zangerl wichtige Begleiter und Stars der Szene. Angefangen mit John Gill, dem Vater des Bouldern aus den USA. Weiter über Wolfgang "Flipper" Fietz, dem maßgeblichen Boulderpionier aus Deutschland. Erwähnung finden Jacky Godoffe, einer der weltbesten Freikletterer seiner Zeit und die beiden Briten Ben Moon und Jerry Moffatt, mit denen er eine langjährige Freundschaft pflegt. Der Schweizer Fred Nicole, der das Bouldern maßgeblich mit geprägt hat, der unscheinbare aber nicht weniger erfolgreiche Klem Loskot aus Salzburg, die Amerikanerin Lisa Rands als eine der stärksten Boulderinnen der Jahrtausendwende, Dai Koyamada vom japanischen Bouldern, Dave Graham mit unerschöpflichem Enthusiasmus. Die Liste der Portäts vervollständigen Kilian Fischhuber, Nalle Hukkataival, Jimmy Webb, Anna Stöhr, Shauna Coxsey und Ned Feehally, Adam Ondra, Charles Albert, Giuliano Cameroni, Shawn und Brooke Raboutou und zum Abschluss Ashima Shiraishi, bekannt als amerikanisches Wunderkind im Bouldern.

Fazit:
Bernd Zangerl verarbeitet in seinem Werk sehr persönliche Erlebnisse und skizziert dabei seinen eigenen Weg vom alpinen Klettern hin zum Bouldern. Dabei finden viele Wegbegleiter und Stars der Szene ihren entsprechenden Platz in seinen Erzählungen. Man liest viel über den Umgang mit Herausforderungen, von Motivation, Verletzungen und Scheitern. Das alles ist nicht nur anwendbar auf viele Sportarten und das Bouldern, sondern eben auch auf das Leben im Allgemeinen. Gleich mehrere Kapitel sind dem Einstieg ins Bouldern beginnend im Kindesalter bis hin zum Erwachsenen, dem richtigen Trainieren bis zur möglichen Teilnahme an Wettkämpfen gewidmet. Ein weiterer Schwerpunkt ist ein Überblick über die aktuell wichtigsten und bekanntesten Bouldergebieten der Welt. Mit zahlreichen traumhaften Bildern in Hochglanzoptik ist dieses Buch ein Erlebnis für Boulderer, Neueinsteiger und Freunde des Alpinismus gleichermaßen. Empfehlenswerte Lektüre.

Bezugsquellen:
ISBN: 9783711200082, 232 Seiten
2019 Bergwelten, € 24,00

Buchbesprechung vom 09.09.2019 © Wanderpfa.de

 

"Nur der Berg ist mein Boss" von Christoph Hainz



Zum Inhalt:


Christoph Hainz? Nie gehört! Wie gibt es das, obwohl Hans Kammerlander im Nachwort über ihn sagt "An Dir hat mir stets Deine Vielseitigkeit und die Professionalität imponiert, mit der Du in jedem Gelände unterwegs warst." Und einen Kammerlander zu beeindrucken, dazu gehört ja wohl schon einiges. Und das nächste Bemerkenswerte ist das Vorwort. Es stammt immerhin von keinem Geringeren als Frank-Walter Steinmeyer, seines Zeichens Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und seit Jahren Kunde des Bergführers Christoph Hainz.

Das macht neugierig auf den Menschen, der sich hinter dem Namen verbirgt. Und das ist etwas, das gut gelungen ist, den Menschen zu beschreiben, dessen Lebensweg im Mittelpunkt des Buches steht. So werden in den ersten Kapiteln die Ursprünge des Bergbauernkindes aus einem Seitental des Tauferer Ahrntals beschrieben und das Entstehen seiner Leidenschaft zu den Bergen.

Man versteht, warum so ein Mensch kein Lawinen-3x3 braucht. Allein durch die Beobachtung der gegenüber liegenden Berge sammelt sich im Laufe der Jahre so viel an Erfahrung an, dass das Erkennen der Gefahr in Fleisch und Blut überzugehen scheint - faszinierend.

Heimatverbunden und bodenständig, so präsentiert sich Christoph Hainz zunächst, bis ihn Sturm und Drang aus der Südtiroler Heimat hinausführen. Wirklich packend liest sich die Beschreibung seiner Erlebnisse in der Eigernordwand. Und nicht zu vergessen: die dazu gehörenden Bilder. "Magic Mushroom" nennt er seine Route; warum, das erschließt sich angesichts wirklich großartiger Aufnahmen von selbst.

Das letzte Kapitel über waghalsige Eisklettereien in Südtirol beeindruckt mich dann nur noch von den Fotos her. Eine der Bildunterschriften bringt es dann doch ganz gut auf den Punkt : "Ice is nice oder doch ein paar Schrauben locker? Das ist die Frage ...."

Fazit:
Am amüsantesten zum Lesen finde ich eines der eingestreuten Interviews und zwar das mit seiner Lebensgefährtin. Und die macht eines deutlich: Nicht der Berg ist der Boss, sondern Christoph Hainz' Leidenschaft, die ihn immer wieder und immer noch zu wirklich beeindruckenden Höchstleistungen anspornt. Ein Mensch und Bergführer mit dem man gerne einmal unterwegs sein möchte, am liebsten in den Drei Zinnen.

Eine wirklich empfehlenswerte Urlaubslektüre mit teils Wahnsinnsbildern.

Bezugsquellen:
ISBN: 9788870739312, 272 Seiten
2019 Tyrolia Verlag / Athesia Tappeiner Verlag, € 24,90 (Hardcover)

Buchbesprechung vom 23.07.19 © Gipfelsammer Claus im Forum von Alpic.net

 

"Warum das alles?" von Dani Arnold

In seinem ersten Buch lässt Extrembergsteiger Dani Arnold seine Leserinnen und Leser mit Fotos und einprägsamen Texten an besonderen Momenten in den Bergen teilhaben und reflektiert Erfolg und Misserfolg eines Extremalpinisten.

Vor mit liegt das Buch von Dani Arnold, dessen fragender Titel "Warum das alles?" der eigentliche Auslöser war, mir das Werk zu besorgen.

Meine Erwartungen lagen neben tollen Bergaufnahmen zu sehen zum Teil darin, hier mögliche Antworten auch für Familie, Freunde und Bekannte in meinem privaten Umfeld zu finden, die unsere Leidenschaft für die Berge im Grunde genommen nicht oder allenthalben nur wenig nachvollziehen können.

Zum Inhalt:
Das Buch von Dani Arnold fasziniert mit tollen Aufnahmen, die teilweise an uns bekannten Orten aber auch an weit entfernten Plätzen, wie z.B. Patagonien, entstanden sind. Diese Orte werden für die meisten von uns immer ein Geheimnis bleiben und von uns wohl nie besucht werden. Umso schöner, wenn wir diese Eindrücke versehen mit persönlichen Anmerkungen von Dani bequem auf dem Sofa teilen können.

Es handelt sich um ein autobiografisches Buch, in dem die einzelnen Stationen des heute vielen als "Extremalpinist" bekannten Dani Arnold von ihm selbst beschrieben werden. Doch das war nicht immer so. Dani beschreibt seine Entwicklung zur Liebe zu den Bergen, zum Klettern und zu extremen Herausforderungen. Dass er mittlerweile seinen Lebensunterhalt damit verdienen und vom Prinzip her seine "Leidenschaft" nach Belieben ausleben kann, wird anhand einer ausdrücklich geschilderten Dankbarkeit für diesen Umstand deutlich. Dani Arnold widmet in seinem Buch aber auch viel Platz gegenüber seiner Verantwortung für seine Lieben, seine Familie, für Tourenpartner, Sponsoren und im besonderen auch für die Umwelt.

Es handelt sich um keinen Tourenführer im herkömmlichen Sinn. Im letzten Buchkapitel mit dem Namen "Würdigung" wird die Tour "Carlesso" an der Torre Trieste mit einer Routenskizze vorgestellt. Das war es dann aber auch schon. Das Buch ist unterteilt in den Einstieg mit einem persönlichen Vorwort des Autors und einem persönlichen Dank an die Co-Autorin Petra Jörg, die ich natürlich nicht unerwähnt lassen möchte. Danach eröffnet das Kapitel "Steil, schnell, schwierig" faszinierend Einblicke in einzelne Stationen, wie z.B. die Rekord-Durchquerung der Eiger Nordwand in 2 Stunden und 28 Minuten. Daneben finden weitere schwere Touren wie z.B. die Winterbesteigung des Cerro Torre, weitgehend unbekannte Mixedrouten in Schottland oder auch einige Eisklettertouren mit spektakulärem Ausgang Platz in diesem Kapitel.

Mit persönlichen Gedanken geprägt ist das gleichnamige Kapitel "Gedanken & Reflexionen", wo der Schweizer näher auf seine persönliche Motivation, Grenzerfahrungen und u.a. auch auf die Kunst des Umkehrens eingeht. Der Inhalt dieser Seite ist größtenteils auch direkt am Berg an außergewöhlichen Plätzen entstanden, was aus den von ihm gewählten Formulierungen heraus zu lesen ist und seinen Worten eine gewisse Authentizität verleiht.

Das Kapitel "Anekdoten & Kuriositäten" ist eine Sammlung von vielen erinnerungswürdigen Begebenheiten. Dieses Kapitel zeigt auf erfrischende Art, dass neben dem Überalpinisten Dani Arnold auch ein ganz normaler Mensch existiert, der teilweise mit den gleichen banalen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wie wir alle auch. Herrliche Aufnahmen ergänzen die kleinen Episoden. Um nur eine Aktion herauszugreifen: Nachtklettern im norwegischen Eis in eigens mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Wasser- oder besser gesagt Eisfällen.

Klappentext:
Er findet steile Fels- und Eislinien, an denen sich noch nie ein Mensch versucht hat, klettert die schwierigsten Berge der Welt hinauf, stellt verrückte Speed-Rekorde auf und ist dennoch am Boden geblieben. In seinem ersten Buch lässt Extrembergsteiger Dani Arnold seine Leserinnen und Leser mit Fotos und einprägsamen Texten an besonderen Momenten in den Bergen teilhaben und reflektiert Erfolg und Misserfolg eines Extremalpinisten.

Fazit:
Ein gelungenes und wirklich tolles Buch von Dani Arnold, das ich persönlich als eine Mischung aus Bildband mit herrlichen Aufnahmen in Verbindung mit vielen niedergeschriebenen Gedanken und knackigen Kurzgeschichten des Autors, beschreiben würde.
Abschließend kann ich sagen, dass meine Eingangs beschriebenen Erwartungen übertroffen wurden. Es gibt nicht auf alle Fragen eine Antwort, aber die Leidenschaft für die Berge können letztlich nur die Personen teilen und nachvollziehen, die selbst in den Bergen unterwegs sind. Die Einschätzung von möglichen Risiken auf Berg- und Klettertouren hängt neben den sichtbaren Rahmenbedingungen wie z.B. das Wetter immer auch von individuellen Parametern ab; alpine Erfahrung, körperliche Verfassung, Ausrüstung usw.. Dani Arnold führt hier in seinem Buch auch das "Bauchgefühl" an, was in etwa mit dem landläufigen Begriff "gesunder Menschenverstand" gleichzusetzen ist. Mit entscheidend ist natürlich auch, ob man mit Bergsteigen und Klettern seinen Lebensunterhalt verdienen kann und muss.

Absolut lesenswert und gerade in der bergfreien Zeit eine schöne Abwechslung, die Lust auf mehr macht.

Direkt an diese Buchbesprechung folgt zunächst eine Beschreibung des Extremalpinisten durch Uli Auffermann (Fotograf, Autor, Alpinjournalist, langjähriger Freund des legendären Bergführers und Erstbegehers der Eiger-Nordwand Anderl Heckmair). Eine umfangreiche Fotostrecke rundet die Vorstellung von Dani Arnold mit visuellen Eindrücken ab.

Bezugsquellen:
ISBN: 978-3-946862-09-3, 136 Seiten
In Deutschland beim Semann-Verlag.de (€ 32,00 zzgl. Versand).
Bezugsmöglichkeit in der Schweiz direkt über Dani Arnold (CHF 39,00 zzgl. Versand).


Dani Arnold: All-Star ohne Allüren
Eine Charakterisierung von Uli Auffermann:

Sagt Ihnen die „Carlesso“ etwas? Jene Route in der Südwand des Torre Trieste? Einst als das Äußerste im extremen Klettern bezeichnet, das Nonplusultra an Schwierigkeiten. Mit VI+ A3 in Walter Pauses Ausgabe „Im extremen Fels“ von 1970 bewertet, steht die von Raffaele Carlesso und Bartolo Sandri 1934 eröffnete Linie damals für die Grenze des Kletterbaren. Generationen von Spitzenkletterern galt sie als Sehnsuchtsziel, als Prüfstein, als eine Art Elitezertifikat. Eine Tour mit gewaltigem Nimbus. Rund 25 Seillängen und etwa 8 bis 11 Stunden Kletterzeit sollten es für die nicht allzu zahlreichen Wiederholer werden, die sich ihr gewachsen fühlten.

Heute ist die „Carlesso“ frei geklettert ein satter VIII-er und in ihrem alpinen Ausmaß nach wie vor ein ernster, abenteuerlicher Extremklassiker. Den 2016 Dani Arnold macht, free solo. In der Fabelzeit von 68 Minuten durchsteigt er die berühmte Route. Sicher, souverän, völlig organisch. Klettern in seiner ursprünglichsten Form, Mensch und Fels verschmolzen zur Einheit. Kein Wagnis um Haaresbreite, kein Gang, um den Tod herauszufordern, sondern um das Leben zu gewinnen, es intensiv zu fühlen. In völliger Beherrschung der Situation. Nach dem Preuß’schen Grundsatz „Das Können ist des Dürfens Maß“! Schnell sein, weil es möglich ist, nicht als Selbstzweck.

Und wie schnell Dani Arnold am Berg ist, zeigen diese Durchsteigungen: Salbit-Westgrat in 1.35 Stunden, Eiger-Nordwand in 2.28 Stunden, Matterhorn-Nordwand in 1:46 Stunden, Badile „Cassinroute“ an der Nordostwand in 52 Minuten und den Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses in 2:04 Stunden. Dabei will er „Speed-Begehungen“ nicht als Maßstab für die Meta-Ebene des Alpinismus verstehen. Vielmehr als eine logische Form des Kletterns, wenn es gilt, die eigenen Fähigkeiten umzusetzen und alle bergsteigerische Kompetenz auszuleben. Klar, dass Dani als Profi-Alpinist auch gefordert ist, im Zeitgeist des Einfachdarstellbaren, also im Schneller, Höher, Weiter der kurzatmigen, leistungsorientierten Gesellschaft griffige Akzente zu setzen. Letztlich aber steht es nicht im Mittelpunkt des Geschehens. Denn der Schweizer verkörpert nicht den verbissenen, ständig trainierenden und unter selbstauferlegter Askese lebenden Ultraathleten, dessen starrer Blick nur noch Ehrgeiz und totale Anforderung kennt.

Nein, Dani Arnold ist ein Affektbergsteiger, sein Antrieb Lust, Leidenschaft, Begeisterung. Ein Genussmensch, der das tiefe, nachhaltige Erlebnis sucht. Ein Typus, gestrickt wie ein Anderl Heckmair, der einfach gerne draußen ist, der einen kleinen Berg genauso intensiv empfinden kann wie die Eiger-Nordwand. Woran man das merkt? Wenn Dani zum Beispiel mit leuchtenden Augen und gestikulierend erzählt, wie sich das Einschlagen eines Eispickels anhört: „Es zischt, man hört die Spannungen des Eises ... – das ist einfach megacool.“

Gewiss, Dani Arnold ist ein Alpinist der Gegenwart, modern, en vogue und mit allen Ausprägungen, was als State of the Art gilt. Sein Wesen aber, sein Kern ist erfüllt von dem großen Erbe des traditionellen Alpinismus: aus sich heraus schöpfen, getragen von der Neugier und der Kraft, dem Unmöglichen vielleicht doch ein Möglich abzuringen!
(Quelle: Uli Auffermann)

Fotostrecke:

"Er ging voraus nach Lhasa" von Nicholas Mailänder



Zum Inhalt:
„Die wahre Geschichte hinter dem Mythos“, so beschreibt der Klappentext kurz und prägnant die Biographie über Peter Aufschnaiter. Aber was heißt schon „Mythos? Nun gemeint ist das hier in dem Sinne, dass mit falschen Vorstellungen aufgeräumt wird. Denn ungleich stärker im Bewusstsein der Bergsteiger verankert ist ja nicht Peter Aufschnaiter, sondern Heinrich Harrer, dem mit „Sieben Jahre in Tibet“ unbestreitbar ein Bestseller gelungen ist. Die wahrhaft treibende Kraft der beiden zu Beginn des zweiten Weltkriegs nach Tibet geflüchteten Männer war aber der weitgehend unbekannte Peter Aufschnaiter.

Nicholas Mailänder geht unter Mithilfe von Otto Kompatscher einen interessanten Mittelweg zwischen Biographie und Autobiographie, lässt er doch Aufschnaiter durch Einstreuung farbig hervorgehobener Originalzitate selbst zu Wort kommen. So bekommt der Leser einen unmittelbaren und naturgemäß authentischen Eindruck des Erlebten. Und nicht nur das. Auch Fotos und vor allem die Zeichnungen Aufschnaiters illustrieren eindrucksvoll den Weg einer wirklichen Dokumentation des wechselvollen Lebenswegs von Peter Aufschnaiter.

Dabei wird zunächst dem gesamten Umfeld, in dem sich der Student der Agrarwissenschaften seinerzeit befand mit all seinen historischen und persönlichen Bezügen geschildert. Gerade sein ursprüngliches Verhältnis zum Nationalsozialismus gibt doch zu denken, erleichtert aber durchaus auch eine Annäherung an den Menschen Peter Aufschnaiter. In der Folge wird sehr detailreich die wechselvolle Geschichte der Flucht nach Lhasa, später aus Lhasa geschildert. Hier hätte durchaus manches gestrafft werden können. Wahrscheinlich war die Materialfülle die Ursache, dass eine Auswahl schwer erschien und so lieber zu viel des Guten in das Werk aufgenommen worden. Das wird auch deutlich am sehr umfangreichen Anmerkungsapparat. Hier findet sich Etliches, was über eine Quellenangabe weit hinausgeht. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus mag das schön sein; dem Unterhaltung suchenden Leser erschwert es die Lesbarkeit. Hilfreich ist es in jedem Fall, die Routen, die Aufschnaiter zurücklegte, parallel im aufgeschlagenen Atlas anzusehen. Hinterher hat man jedenfalls eine recht exakte Vorstellung, wie weitläufig Tibet ist. Schön zu lesen ist, wie es Aufschnaiter gelingt, nach der Besetzung Tibets durch die Chinesen in Nepal Fuß zu fassen. Dafür verzichtet er sogar zeitweise auf seine österreichische Staatsangehörigkeit, die er später auf sehr umständliche Art und Weise wieder erlangt. Sein von zwiespältiges Verhältnis zu Heinrich Harrer bleibt immer auch Thema. Ob es am Schluss schlichtweg Neid auf dessen Veröffentlichungerfolge ist, der eine Versöhnung verhindert oder ob dies schlichtweg dem Gesundheitszustand Aufschnaiters zuzuschreiben ist?

Fazit:
Schön an dem Zeit und Muße zum Schmökern fordernden Buch ist jedenfalls, dass im Anhang u.a. kurze Abrisse über den Staat Tibet und den Buddhismus enthalten sind. Das erleichtert das Verständnis und die Lektüre an der einen oder anderen Stelle durchaus.
Insgesamt eine sehr umfangreiche Aufarbeitung des Lebensweges einer bemerkenswerten Person. Zeit zum Lesen sollte man freilich angesichts des Umfangs schon einplanen.

Bezugsquellen:
ISBN: 9783702236939, 414 Seiten
Tyrolia Verlag, Innsbruck, € 29,95

Buchbesprechung vom 06.05.19 © Gipfelsammer Claus im Forum von Alpic.net

Buchbesprechung: "Lawine" von Rudi Mair und Patrick Nairz

Die überarbeitete Auflage von "Lawine" von Rudi Mair; Patrick Nairz ist im Tyrolia Verlag erschienen.

Zum Inhalt:
Vor knapp sieben Jahren habe ich bereits eine Rezession zu diesem Buch veröffentlicht.
Inzwischen liegt die völlig neue überarbeitete Auflage vor. Meine Empfehlung zur ersten Auflage bleibt voll und ganz bestehen. Meine Betrachtungen beschäftigen sich bevorzugt mit den Unterschieden zur vorherigen Auflage, nicht zu dem, was bereits vor sieben Jahren gesagt wurde...
Zitat: "Wir können also gespannt sein, ob sich die Gefahrenmuster international so durchsetzen, wie die 5 Gefahrenstufen oder die bayerische Matrix."
Die zehn Gefahrenmuster haben sich nicht international durchgesetzt , so die die Bayerische Matrix, die nun in modifizierter Form unter dem Namen EAWS-Matrix bekannt ist und über all in Europa zur Anwendung kommt.
Dafür wurden in Europa die 5 Probleme einheitlich eingeführt und kommen in den Lageberichten auch mit entsprechenden Piktogrammen vor.
Die zehn Gefahrenmuster haben sich sich zu der Vorauflage leicht geändert. Sie lauten nun:

  • gm 1 bodennahe Schwachschicht
  • gm 2 Gleitschnee
  • gm 3 Regen
  • gm 4 kalt auf warm/warm auf kalt
  • gm 5 Schnee nach langer Kälteperiode
  • gm 6 lockerer Schnee und Wind
  • gm 7 schneearm neben schneereich
  • gm 8 eingeschneiter Oberflächenreif
  • gm 9 eingeschneiter Graupel
  • gm 10 Frühjahrssituation
Ausführlich wird auf die zeitliche und räumliche Verteilung der Gefahrenmuster eingegangen. Eingrenzend möchte ich dazu anmerken, dass das so natürlich nur in den Alpen, insbesondere den Ostalpen gilt, sich aber etwas abgewandelt auf andere Gebirge übertragen lässt.
Gut auch, dass auf die Unterscheidung zwischen Gefahrenmustern und Lawinenproblemen eingegangen wird (Seiten 19f, 41)
Es folgen ausführlich analysierte Beispiele zu jedem Gefahrenmuster. Andere, und meiner Ansicht nach besser aufbereitet als in der ersten Auflage.
Fazit:
Wer die erste Auflage besitzt, der muss das neue Buch nicht unbedingt kaufen. Er findet die geänderten Informationen vielfach auch auf der neue gestalteten Seite des tiroler Lageberichts. Wer noch kein entsprechendes Buch in seinem Regal stehen hat und im winterlichen Gebirge unterweg ist, für den ist das aktuelle Werk eine Pflichtlektüre.

2018, Tyrolia Verlag ISBN 978-3-7022-3504-8, 232 Seiten, € 24,95
Für weitere Informationen: Tyrolia Verlag


Buchbesprechung vom 09.12.18 © Kristian im Forum von Alpic.net