"Hintersteiner Tal - geologisch-naturkundlicher Wanderführer" von Rüdiger & Claudia Henrich & Christoph Hieke

Der Wanderführer "Hintersteiner Tal" von Rüdiger u. Claudia Henrich, Christoph Hieke, ist im Pfeil-Verlag München erschienen.

Einband-Innenseite
Die Innenseiten ziert eine aufwendig gestaltete geologische Karte, die mich augenblicklich an meine Erdkunde-Unterrichtszeit (ich nenne die Zeit mal: ludus real) erinnerte. Die Legende zur Karte befindet sich auf der vorletzten Seite des Wanderführers. Zu den weiteren geologischen Abbildungen im Buch sind die Bedeutungen jeweils angefügt.

Inhalt:
Der Blick auf die Innenseite des Buches verdeutlicht anschaulich, wie die Idee für einen Wanderführer ausgerechnet für das Hintersteiner Tal gewachsen sein muss: Die Region um Hinterstein zählt nicht nur aus meiner Sicht als begeisterter Bergwanderer zu den reizvollsten hochalpinen Landschaften der Nördlichen Kalkalpen, sondern gerade geologisch nimmt das Tal eine Schlüsselposition ein, die mir bis dato zugegebenermaßen nicht bekannt war (man erkennt das auch deutlich anhand der vielen unterschiedlichen Farben und Schraffierungen auf der geologischen Karte).
Da die Region um Hinterstein mit zu meinem bevorzugten Wandergebiet zählt, starte ich mit großer Vorfreude das Lesen des Wanderführers, um neben der augenscheinlichen landschaftlichen Schönheit auch den Blick auf das geologisch-naturkundliche und mir vielleicht bislang im Hintersteiner Tal Verborgene zu lenken. Das Buch ist in Gemeinschaftsarbeit von Rüdiger Henrich (Professor der Geologie), seiner Frau Claudia Henrich (Diplom-Geologin) und Christoph Hieke (Diplom-Forstwirt) entstanden. In der Einführung ist die genaue Verteilung festgehalten.

In mehreren Kapiteln wird zunächst der "Naturraum Hintersteiner Tal" beschrieben. Im Abriss über die Erschließung und geschichtliche Entwicklung "Hinterstein - einst und heute" erfahre ich, dass neben bäuerlichen Betrieben in Hinterstein Mitte des 18. Jahrhunderts auch 22 Nagelschmieden in Betrieb waren, um die Ernährung der Familien über den Winter zu sichern. Hierbei musste ein Nagelschmied täglich mindestens 1000 Schuhnägel anfertigen.
Weitere Kapitel sind der Alpwirtschaft und der Forstwirtschaft gewidmet. Aufkommender Jodler- und Sennerinnenromantik wird durch die als hart und verantwortungsvoll beschriebene Arbeit bei der Betreuung der großen Alpflächen eine klare Absage erteilt. Das Ganze wird unterlegt mit statistischen Angaben, so z.B. verbrachten 2006 ca. 1730 Rinder Ihren Sommer auf der Höh. Das Kapitel über die forstwirtschaftliche Nutzung spannt ebenfalls den Bogen von der Besiedlungsgeschichte bis in die Gegenwart. Die Bedeutung der königlichen Jagd, Besitzverhältnisse und Weiderechte werden ebenso behandelt, wie die statistische Auswertung des aktuellen Baumbestandes, der im Hintersteiner Tal Mitte des 14. Jahrhunderts massiv unter den Auswirkungen bzw. Begleiterscheinungen des Erzabbaus in 15 Gruben zu leiden hatte. Mit welchen Anstrengungen er sich bis heute glücklicherweise wieder erholt hat erfährt der Leser ebenfalls.

Ein Schwerpunkt des Wanderführers liegt neben der landschaftlichen natürlich auf der geologischen Betrachtung des Hintersteiner Tales. Hier geht es im Kapitel "Geologie" auch gleich richtig zur Sache. Die Vermittlung eines so umfangreichen Themas ist nicht einfach und erfordert auch vom Leser große Disziplin. Mir wird jedenfalls die Bedeutung des Hintersteiner Tales als einmaliges "Geologisches Fenster" bewusst. Diese sind entstanden durch Auffaltung der Gebirgsketten aus ursprünglich im Meeresbecken abgelagerten Sedimenten (Muscheln, Korallen usw.) unter starkem Druck, wobei sich die unterschiedlichen Decken zunächst übereinandergestapelt und aufgewölbt haben. Durch Abtragung von Teilen der obersten Decken beim Aufstieg des Gebirges erhält man wie durch ein offenes Fenster Einblick auf die tieferliegenden Schichten und somit die tektonische Entstehung. Das war mein Versuch in einem Satz die Entwicklung der zurückliegenden ca. 220 Mio Jahre zusammenzufassen.

Die Autoren setzen sich mit dem komplexen Thema natürlich sehr intensiv und wissenschaftlich fundiert auseinander. Es kommt jedenfalls nie Langeweile auf, da sämtliche Ausführungen stets mit Abbildungen und Fotografien aus dem Hintersteiner Tal veranschaulicht werden. Die namentliche Nennung bekannter Gipfel und markanter Punkte vermittelt den starken regionalen Bezug. Nur dass man bislang mit Kesselspitze oder Kreuzkopf ganz andere Bilder in Verbindung gebracht hat. Wie bereits gesagt, ist die Geologie ein sehr interessantes, aber auch umfangreiches Thema.

In den abschließenden Kapiteln wird auf die Pflanzen- und Tierwelt im Hintersteiner Tal eingegangen. Man ist schon verwundert über die Artenvielfalt, die sich einem als Wanderer zunächst nicht auf den ersten Blick erschließen mag.

Mit soviel Hintergrundwissen gefüttert, beginnt der für mich interessanteste Abschnitt: Die Naturkundlichen Wanderungen. Diese nehmen ca. 80 der 112 Seiten ein. Ich kann dem Leser damit auch die Angst nehmen, dass man vor lauter Wald keine Bäume mehr sieht. Während insgesamt acht Naturkundlichen Wanderungen wird der Leser von den Autoren an der Hand genommen und mit offenen Augen durch das Hintersteiner Tal geführt. Die Touren beginnen jeweils mit einer kleinen Übersicht, worin zunächst die Rahmenbedingungen wie Wanderstrecke, Höhenunterschied und ungefähre Dauer angeführt werden. Danach beginnt auch gleich die Tourenbeschreibung und der Wanderer wird detailliert vom Ausgangspunkt, vorbei an zahlreichen Exkursionspunkten bis zurück zum Ausgangspunkt geführt. Alle Wanderungen sind als Rundtour geplant bzw. auch teilweise als solche kombinierbar (z.B. Tour 2 vom Giebelhaus bis zum Edmund-Probst-Haus).

Der Wegverlauf der Touren wird jeweils mit einer Übersichtskarte skizziert. Zahlreiche farbenfrohe Aufnahmen der auf den einzelnen Touren zu findenden floralen Vielfalt lässt jedes Wanderherz höher schlagen. Alle abgebildeten Pflanzen aus dem Hintersteiner Tal sind am Ende des Buches in einem separaten Namensverzeichnis aufgeführt. Die Abbildungen der Pflanzen allein sind schon grundsätzlich ein tolles Nachschlagewerk der alpinen Flora und können bestimmt auch auf anderen Wanderungen zur Pflanzenbestimmung dienen.

Geologisch interessante bzw. auffällige Fundstellen sind auf den Touren ebenfalls wichtige Etappenziele. Mit zahlreichen weiteren Abbildungen, Bildern und Skizzen wird der Wanderer an diese herangeführt und erhält zusammen mit der Beschreibung im Wanderführer nochmals einen Abriss über Zusammensetzung und Entstehung.

Fazit:
Das Hintersteiner Tal mit anderen Augen sehen. Ein gelungener regionaler Wanderführer, der durch seine Handlichkeit zur Mitnahme auf jede Tour geeignet ist. Die Besonderheit des Führers liegt sowohl an den übersichtlich gestalteten Tourenbeschreibungen als auch an den fachkundigen wissenschaftlichen Ausführungen über den geologischen Aufbau, im Besonderen des Hintersteiner Tales. Den Schwerpunkt bilden natürlich die Touren, die allesamt als mehrstündige Rundtouren geeignet sind und den Wanderer an die Hand nehmen. Die zahlreichen Exkursionspunkte machen so jede Tour zu einem Erlebnis, eine Art "Schnitzeljagd" für die ganze Familie. Jedem Hinterstein-Fan oder denen die es noch werden möchten kann die Anschaffung nur empfohlen werden.

2014, Pfeil-Verlag München ISBN 978-3899371819, 112 Seiten, € 12,80
Für weitere Informationen: Pfeil-Verlag München


Buchbesprechung vom 01.10.14 © Oliver vom Wanderpfa.de-Team