"BERG 2012 - Alpenvereinsjahrbuch"

Das Alpenvereinsjahrbuch BERG 2012 von DAV, OEAV und AV Südtirol ist im Tyrolia-Verlag erschienen.

Das Alpenvereinsjahrbuch, das einmal im Jahr erscheint, ist eine der bedeutendsten alpinen Zeitschriften überhaupt. Die 136. Ausgabe widmet sich hauptsächlich den Themen Dolomiten und Brentagruppe. Passend dazu erhalten Alpenvereinsmitglieder beim Kauf des Buchs gratis ein Exemplar der neuesten Auflage der Alpenvereinskarte Nr. 51 Brentagruppe. Neu ist, dass das Alpenvereinsjahrbuch ab sofort in sechs Rubriken eingeteilt ist: BergFokus, BergWelten, BergSteigen, BergMenschen, BergWissen und BergKultur. Im Folgenden wird aus jeder der sechs Rubriken ein Aufsatz näher vorgestellt.

BergFokus: Weltnaturerbe Dolomiten
Florian Trojer, Große Bergführer der Dolomiten
Florian Trojer, Sachbearbeiter im Referat Kultur des Alpenvereins Südtirol, porträtiert in seinem Aufsatz fünf Bergführer, die im 19. und 20. Jahrhundert in den Dolomiten Pionierarbeit geleistet haben.
Die Gebrüder Michl (1844 – 1888) und Hans Innerkofler (1833 – 1895) sind die Erstbesteiger des Zwölferkofelsin den Sextener Dolomiten, einem der wildesten Dolomitenberge überhaupt. Sie erreichten den Gipfel am 28. September 1874 über eine steile Eisrinne, in die sie unzählige Stufen schlagen mussten, da es zu dieser Zeit noch keine Frontzacken an den Steigeisen gab. Als Bergführer machte sich vor allem Michl Innerkofler einen Namen, zu dessen Kunden u.a. die Gebrüder Zsigmondy gehörten. Den Namen Angelo Dibona (1859 – 1956) verbinden viele Bergfreunde mit einer Route an der Nordostkante an der Großen Zinne, die nach ihm benannt ist. Erstbegeher dieser Tour war aber nicht er, sondern Rudl Eller. In den Bergen unterwegs war der Cortineser in der Regel mit den Gebrüdern Mayer und Luigi Rizzi. 1910 waren sie die ersten, denen die Durchsteigung der Einser-Nordwand in den Sextener Dolomiten glückte. Aber auch außerhalb der Dolomiten gehörte das Quartett zu den bedeutendsten Bergpionieren: So durchstiegen sie die Nordkante des Großen Ödsteins in den Ennstaler Alpen und die Laliderer-Nordwand im Karwendel.
Giovanni Battista Piaz (1879 – 1948), genannt Tita, kam aus Pera im Fassatal. Ihn prägten seine Aufenthalte in der Vajolethütte am Fuße der Vajolettürme in der Rosengartengruppe. 1899 gelang ihm als ersten die Durchsteigung des Nordostrisses der Punta Emma, die den Vajolettürmen südlich vorgelagert ist. Zu seinen Glanzleistungen gehört die Durchsteigung der Westwand des Totenkirchls im Wilden Kaiser im Jahr 1908, die er zusammen mit Franz Schrofenegger, Rudolf Schietzold und Josef Klammer bewältigte. Zeit seines Lebens galt Piaz als Querkopf, der mit seinen politischen Ansichten regelmäßig Widerstand gegen regierende Autoritäten äußerte.
Im Gegensatz dazu war Batista Vinatzer (1912 – 1993) aus Gröden ein ruhiger und bescheidener Zeitgenosse. 1936 durchstieg er mit Ettore Castiglione die Südwand der Punta Rocca an der Marmolada, der zu dieser Zeit anspruchsvollsten Route der Dolomiten. International wurde diese Leistung aber erst anerkannt, als 1949 einer anderen Seilschaft dieselbe Route gelang.

BergWelten: Brenta
Traian Grigorian, Wie die Brenta das Biken entdeckte
In den letzten Jahren hat die Bedeutung des Radsporttourismus in den Alpen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Mit dieser Entwicklung hat sich das Projekt „Dolomiti di Brenta Bike“ auseinandergesetzt. Ergebnis:
Unter Leitung von Davide Aldrighetti wurde eine Mountainbike-Tour rund um die Brenta konzipiert, die in zwei Varianten sowohl Einsteigern als auch erfahreneren Bikern gerecht wird. Die „Country-Variante“ ist 136 Kilometer lang, überwindet 4600 Höhenmeter und verläuft in vier Etappen überwiegend auf Radwegen und Nebenstraßen. Im Gegensatz dazu führt die „Expert-Variante“ über 171 Kilometer, überwindet 7700 Höhenmeter, verläuft in sieben Etappen größtenteils über unbefestigte Wege und steuert auch Alpenvereinshütten an. Das besondere an der Runde ist, dass sie von jedem Ort rund um das Brentamassiv gestartet werden kann, so dass alle Gemeinden gleichermaßen von diesem Projekt profitieren dürften.Die Tour ist komplett ausgeschildert, und auch die Hotels in den Ortschaften sind mittlerweile auf Biketouristen eingestellt. Abgerundet wird das Angebot durch einen sehr informativen Internet-Auftritt (www.dolomitidibrentabike.it). Etwas enttäuschend ist jedoch, dass die Bike-Tour auf der beiliegenden Alpenvereinskarte nicht zu finden ist.

BergSteigen
Dennis Cramer, Zwischen Gletschertischen – Kleine Hochtouren in der Angelusgruppe/Ortlergebiet
Im Mittelpunkt dieser Reportage steht eine Hochtour zum Kleinen Angelus und zur Tschenglser Hochwand in der Ortlergruppe im Jahr 2010. Der Autor legt hierbei aber nicht den Schwerpunkt auf die eigentliche Tourenbeschreibung, sondern stellt auf eine sehr eindrucksvolle Art und Weise seine persönlichen Erlebnisse während der Tour in den Vordergrund: Er macht aufmerksam auf seine Eindrücke in der Düsseldorfer Hütte, die wie ein alpines Museum auf ihn wirkt, auf vereiste Pfützen, in denen er faszinierende Muster erkennt, und auf Felsen, die er auf einem Gletscher entdeckt und die ihn an Bistrotische erinnern. Mitunter wird der Verfasser, der Deutsch, Evangelische Theologie und Sport studierte, sogar poetisch, indem er den Gang über den Gletscher mit einem festlichen Sektempfang vergleicht. Sehr deutlich weist Cramer in seinem Aufsatz auch auf die Auswirkungen des Klimawandels hin, indem er einen Ausschnitt einer Wanderkarte aus dem Jahr 2002 mit der aktuellen Situation vergleicht und dabei erschreckende Unterschiede feststellt, was den Rückgang der Gletscher betrifft. Abschließend beschreibt der Autor seine Eindrücke von der wegen Schlechtwetters gescheiterten Tour zum Hohen Angelus und philosophiert über Wetterkapriolen und die Klimageschichte.

BergMenschen
Horst Höfler, HiasRebitsch – Bergsteigen war seine Lebensform
Anlässlich des 100. Geburtstags von Matthias „Hias“ Rebitsch im Jahr 2011 porträtiert Horst Höfler, einer der besten Kenner Rebitschs, das Leben dieses außergewöhnlichen Bergsteigers. Geboren wurde Rebitsch 1911 in Brixlegg. Als Kletterer-Legende machte er sich einen Namen, als er 1937 mit Ludwig Vörg die Eiger-Nordwand durchsteigen wollte, was den beiden wegen eines Wettersturzes aber nicht gelang. Ebenso wird die LalidererwandimKarwendel immer mit Rebitsch verbunden sein, der 1947 mit Franz Lorenz erstmals die Laliderer-Nordverschneidung meisterte. Höfler stellt in seinem Aufsatz aber nicht nur die bergsteigerischen Leistungen des Hias in den Mittelpunkt, sondern er betrachtet den Menschen Rebitsch. Zeit seines Lebens galt er als Frauenheld, geheiratet hat er aber nie. Er galt als jähzornig, war Mitglied in der NSDAP und verbrachte 1933 über ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, weil er nach dem Verbot des Nationalsozialismus in Österreich weiterhin seine Sympathie mit der NSDAP offen zeigte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Rebitsch dem Expeditionsbergsteigen zu und machte sich als Forscher in den Anden einen Namen. In der Folgezeit hatte er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. So erblindete er nach einer Gürtelrose auf seinem rechten Auge und erhielt zu Beginn der 1980er-Jahre ein künstliches Hüftgelenk. Dies hielt ihn aber bis zu seinem Tod nicht vom Bergsteigen ab: HiasRebitsch starb am 11. März 1990 in Innsbruck, kurz nachdem er von einer Wanderung nach Hause gekommen war. Wer sich mehr für das Leben HiasRebitschs interessiert, dem sei Horst Höflers Buch „HiasRebitsch. Der Berg ist nicht alles“ empfohlen.

BergWissen
Clemens M. Hutter, Ski-Erschließungsdruck in Österreich
Das Streben nach immer größeren Skigebieten und damit nach höheren ökonomischen Zielen hat in den letzten Jahren in Österreich neue Dimensionen erreicht. Als Beispiele dafür beschreibt der Journalist Clemens M. Hutter zwei Vorhaben: einerseits die Verbindung der Skigebiete AxamerLizum und Schlick über die Kalkkögel westlich von Innsbruck sowie andererseits den Bau einer Stollenbahn von Sportgastein zum Mölltaler Gletscher. Besonders skurril werden hier die Vorgehensweisen der unterschiedlichen Interessengruppen geschildert. Ergänzt wird der Aufsatz durch einen Kommentar von Peter Haßlacher, der im Oesterreichischen Alpenverein für die Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz tätig ist. Er verweist auf weitere Seilbahnprojekte wie etwa das Erweiterungsprojekt Kleinwalsertal/Ifen und die Verbindung Lech-Warth und macht darauf aufmerksam, dass der Alpenschutz regional zwar einige Erfolge aufzuweisen hat, dass im Großen und Ganzen jedoch der immer weiter voranschreitende Seilbahnausbau nur schwierig zu unterbinden sein wird, wenn nicht auf Europäischer Ebene gehandelt wird.

BergKultur
Luis Töchterle, 150 Jahre Alpenverein
Im Jahr 2012 feiert der Alpenverein sein 150-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass hat Luis Töchterle, Leiter des Jugendreferats und Verantwortlicher für die Mitarbeiterausbildung im Oesterreichischen Alpenverein, einen Aufsatz verfasst, der sich nicht nur mit der Entstehung dieses Vereins, sondern auch mit seinen Mitgliedern und dessen Zukunft beschäftigt. Gegründet wurde der Oesterreichische Alpenverein im November 1862 von den drei Wiener Studenten Grohmann, Mojsisovics und Sommaruga sowie dem Anwalt Ruthner, und zwar zunächst als Zentralverein. Nachdem sich aber der Schweizer Alpenclub nach einem föderalen Prinzip organisiert hatte, riefen 1869 Senn, Hofmann, Trautwein und Stüdl in München den Deutschen Alpenverein ins Leben, der nun nach Schweizer Vorbild aufgebaut war. Beide Vereine zusammen bildeten dann den DuOeAV, in dem sich das föderalistische System durchsetzte, das bis heute gültig ist. Heutzutage sind die Zusammensetzung der Mitglieder sowie deren Interessen sehr heterogen: Da gibt es Förderer des Bergtourismus, die sich für die Erhaltung von Hütten und Wegen einsetzen, auf der einen Seite genauso wie Naturschützer auf der anderen Seite. Da gibt es ältere Mitglieder, die aus Tradition am Vereinsleben teilnehmen, genauso wie junge Mitglieder, die sich in Jugendbewegungen engagieren. Aber gerade diese Vielfalt an Interessen, so der Autor, trägt zum Erhalt des Alpenvereins bei. Die Bedeutung des Alpenvereins schlägt sich im deutlichen Mitgliederzuwachs in den letzten Jahren nieder. 2009 zählte der Deutsche Alpenverein rund 815000 Mitglieder. Was die Zukunft betrifft, so fragt sich Töchterle zum Schluss seines Beitrags, ob es in 50 Jahren wohl noch Alpenvereinsjahrbücher gebe und ob der Alpenverein dann überhaupt noch existiere. Angesichts seiner vorhergehenden Ausführungen dürfte die Antwort leicht fallen. Hingewiesen sei abschließend auf die interessante Darstellung der Entwicklung des Alpenvereinslogos von 1880 bis 2012 auf dem oberen Teil der Seiten des Aufsatzes sowie auf ein Foto mehrerer Vereins- und Bergführerzeichen, die das Alpenverein-Museum Innsbruck zur Verfügung gestellt hat.

2011, Tyrolia-Verlag, ISBN 978-3-7022-3159-0, 256 Seiten, 17;80 €
Für weitere Informationen: Tyrolia-Verlag


Buchbesprechung vom 11.12.2011 © Christian Dietz